Ausgabe 1*

Esslingerinnen und Esslinger erzählen ihre Einwanderungsgeschichte

Fünf Personen erzählen ihre Lebensgeschichte. Es sind Menschen mit interkulturellen Wurzeln, der ersten Generation. Als Erwachsene sind sie nach Deutschland eingewandert.

Sie sind mit ihrer eigenen Kultur und mit anderen Gepflogenheiten aufgewachsen. Hierzulande mußten sie viele Dinge neu lernen – von Anfang an. In den sehr persönlichen Berichten erfahren wir, warum sie sich für Deutschland als Wahlheimat entschieden haben oder entscheiden mussten. Sie teilen uns ihre besonderen Erfahrungen mit, was sie unter „Typisch Deutsch“ verstehen und welche Wünsche sie als Esslinger Mitbürger und Mitbürgerinnen haben.

 

 

MY CHRONBERG (Schweden) erzählt ...

Mein Name ist My Chronberg und komme aus Schweden. Seit 2009 lebe ich in Deutschland. Ich kam nach Deutschland, weil mein Mann, der ebenfalls aus Schweden kommt, hier eine Stelle bekam. Zuerst zog mein Mann nach Deutschland. Zwei Monate später kam ich mit unseren Kindern nach. Unser jüngstes Kind wurde in Deutschland geboren. 

 

Zu Hause spreche ich mit meiner Familie schwedisch. Deutsch lernte ich unter dem Motto "learning by doing". Ich besuchte nie einen Deutschkurs. Meine Kinder bekommen in der Schule Nachhilfe für Deutsch. Das ist gut so, weil ich die deutsche Grammatik nicht so gut beherrsche.

 

Ich bin ein Multitasking-Mensch. Neben meiner Rolle als Mutter von drei Kindern, kümmere ich mich auch um Hausarbeit. Beruflich bin ich Bauingenieurin und arbeite zwei Mal die Woche in einer großen Firma. Zu Hause gebe ich Privatunterricht als Nachhilfe für  Schülerinnen und Schülern in Mathematik, Chemie, Physik und Biologie. Weil mein Hobby Nähen ist, nähe ich nebenbei Sachen für Freunde.

 

Vor Deutschland war ich gewohnt im Ausland zu leben. Durch die Arbeit meines Vaters als Bauingenieur lebte ich bereits in Saudi Arabien, Bulgarien, Polen und Spanien. In Spanien schloss ich mein Abitur ab. Der Aufenthalt in dem jeweiligen Land war zwischen ein bis drei Jahren. Jetzt bin ich in Deutschland. Durch meine Auslandserfahrungen spreche ich einige Fremdsprachen wie Englisch, Spanisch und Deutsch. 

 

In Schweden sind die meisten Frauen berufstätig. Normalerweise fangen Frauen wieder an zu arbeiten, und zwar Vollzeit, wenn die Kinder bereits ein Jahr alt sind. Die Kinder werden montags bis freitags ab sieben Uhr zur Kindertagestätte (Kita) gebracht und um 17 Uhr wieder abgeholt. Hausarbeit und Einkaufen machen die Schwedinnen und Schweden am Wochenende. Daher sind Geschäfte samstags und sonntags geöffnet. Es ist üblich, dass Kleinkinder meistens nur an Wochenenden im Kinderwagen sitzen. Kommunikation zwischen Eltern und Kindern sind entweder abends, mit der restlichen Kraft der Eltern nach Feierabend, oder eben an den Wochenenden. In der Woche tagsüber sieht man auf den schwedischen Spielplätzen meistens nur Mütter mit Kindern unter einem Jahr. Die anderen (außer Rentnerinnen und Rentner) sind vermutlich Arbeitslose oder Leute, die von der Sozialhilfe leben. Kinder in höherem Alter verbringen ihre Zeit in der Kita oder Schule.

 

Aufgrund der Situation in Schweden bin ich gegen das Ganztagsschulsystem, weil ich dadurch weniger Zeit mit meinen Kindern verbringen würde. In Schweden, wenn man nicht arbeitet, erhält man keinen Platz in einer Kita. Im Gegensatz zu der Situation in Deutschland, können Frauen hier nicht so leicht ins Berufsleben zurückkommen. Darüber hinaus ist es nicht einfach, einen Platz in einer Kita sowohl für berufliche als auch für nicht berufliche Frauen zu finden. 

 

Ich finde es gut, dass Frauen in Deutschland halbtags arbeiten können. Frauen, die nicht Vollzeit arbeiten, können sie z.B. in ihrer Nachbarschaft gegenseitig helfen. Ich erlebe hier die gegenseitige Hilfe so: vor kurzem nähte ich eine Hose für eine Freundin. Als Gegenleistung half sie mir beim saubermachen die Wohnung.  In Schweden ist es nicht einfach, wenn man tagsüber eine Hilfe braucht, weil alle arbeiten. Bei mir damals, als ich noch in Schweden lebte, musste ich meine Eltern fragen oder selbst die Sache erledigen.

 

Kinder in Deutschland lernen das Fahrradfahren früh. In Schweden lernen jedoch Kinder das Schwimmen sehr früh, weil es dort viele Seen gibt. Das Fahrradfahren lernen die schwedischen Kinder erst mit sechs oder sieben Jahren.

 

Ich fühle mich wohl in Deutschland und habe mich schnell integriert. Ich habe sowohl viele deutsche als auch ausländische Freundinnen und Freunde. Als Schwedin mit heller Haut erlebte ich noch keine rassistische Beleidigung. Ich finde es schade und traurig, wenn man wegen seines Aussehens oder der Hautfarbe diskriminiert und anders beurteilt wird. Einmal erlebten mein Mann und ich, wie ein hoch gebildeter Deutscher sich negativ über Migranten äußerte. Der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund in der Innenstadt in Esslingen sei enorm hoch, es gäbe zu viel Ausländer, lautete seine Aussage. Ich sagte ihm, dass wir ebenfalls Ausländer sind. Es korrigierte seine Aussage schnell und betonte, dass mein Mann und ich "anders" und nicht DIE Ausländer seien, DIE er meinte.

 

Es macht mich tief betroffen, wenn einer oder eine meines Freundeskreises eine rassistische Aussage oder Diskriminierung erlebt. Ich wünsche mir, dass die Erwachsene sich zum Thema Multikulturalität wie Kinder verhalten würden. Kinder beurteilen andere Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe. Solange Erwachsene sich nicht einmischen, sehen Kinder andere Menschen nur mit dem Herzen.

 

Der Text basiert auf einem Interview mit My Chronberg. Interviewerin/Verfasserin: Adi.

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ANICETA WETZEL (Philippinen) erzählt...

Mein Name ist Aniceta Wetzel geb. de la Cruz. Geboren bin ich 1947 in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Als Krankenschwester kam ich 1971 nach Deutschland. Jetzt bin ich im Ruhestand und leite seit 2008, ehrenamtlich, die buntES -Trommel- und Tanz Kids.

 

Auslandserfahrung wollte ich schon immer gerne machen, aber nicht direkt in Deutschland.  In den 70er Jahren gab es in Deutschland in der Krankenpflege einen Arbeitskräftemangel. Ich bewarb mich in Deutschland als Krankenschwester und gleichzeitig auch für eine Stelle in den USA. Die erste Antwort erhielt ich aus Deutschland, deshalb brach ich  zusammen mit zwei anderen philippinischen Krankenschwestern nach Deutschland auf. Mein erster Arbeitsplatz war in einem Krankenhaus in Sigmaringen.

 

Ich kam am 31.August 1971 an. Mitten im Sommer aber trotzdem habe ich gefroren. Klar, wenn man aus einem tropischen Land wie den Philippinen kommt, in dem die Temperatur über 30°C liegt, friert man ja hier schon mit 22°C. Was mir in Deutschland sofort auffiel war, dass es hier rundum ruhiger zugeht als auf den Philippinen.

 

In der Zeit des akutem Arbeitskräftemangels mussten angeworbene ausländische Krankenpflegekräfte nicht die deutsche Sprache beherrschen. Hauptsache man kam schnell.  Man wurde sofort in einem Krankenhaus eingestellt, denn die Krankenschwestern wurden dringend gebraucht. Ich kam also hier ohne Deutschkenntnisse an. Allerdings hatte ich Glück, da die deutschen Kolleginnen und Kollegen, im Krankenhaus Sigmaringen, nett und hilfsbereit waren.

 

Für die Patienten wiederum war ich exotisch: braune Haut, schmale Augen, schwarze Haare. Eine Patientin war sogar von meinen kleinen Ohren entzückt! In den 70er Jahren gab es in Sigmaringen noch nicht viele Leute aus Asien. Die Patienten waren froh, wenn wir auf die Station kamen, weil wir immer gute Laune hatten und gerne lachten. Lachen mag ich übrigens bis heute auch noch gerne! Außerdem merkte ich auch, dass Leute uns auf der Straße ein paar Mal anschauten, weil wir eben anders aussahen.

 

Das Leben in Deutschland war am Anfang schwer, vor allem wenn man die Sprache nicht kann. Die deutsche Sprache zu beherrschen ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Als ich noch nicht richtig deutsch konnte, gab es viele Missverständnisse. Nachzufragen fiel mir schwer, weil ich nicht wusste, wie ich es ausdrücken sollte. Wenn ich zurückschaue, merke ich, dass ich damals oft beleidigt war, weil ich Dinge nicht verstand. Immer fragen, wenn ich nicht verstehe, ist mein wichtigster Vorsatz! Natürlich half es mir auch, dass ich viele Kontakte mit deutschsprachigen Leuten hatte.

 

Eine kleine Enttäuschung hatte ich zu Beginn meiner Zeit als Krankenschwester in Deutschland. Auf den Philippinen trägt eine Krankenschwester weiße gebügelte Arbeitskleidung mit einem Namenschild und sie trägt eine Krankenschwesternhaube. Sie hat bestimmte Aufgaben, die quasi einer Assistentin eines Arztes entspricht. Ihre Aufgabe als Krankenschwester ist anders als die Aufgabe einer Nursing Aid, also einer Art Krankenschwesterhelferin. In Deutschland hatte ich zwar ein Namenschild aber keine Haube und ich musste alles machen; von Spritzen geben bis Boden wischen. Außerdem benutzen die Krankenschwestern hier oft "Schlappen" während in den Philippinen geschlossene weiße Schuhe getragen werden. Tja, anderes Land, andere Sitte.     

 

Mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl. Deutschland ist meine Wahlheimat. Hier habe ich alles: meinen Mann, meine Kinder und Enkelkinder, meinen Freundeskreis und meine ehrenamtliche Tätigkeit. Nichtsdestotrotz ist ein Teil von mir philippinisch geblieben. Besonders zur Weihnachtszeit denke ich oft an meine Familie und an meine Kindheit auf den Philippinen. Ich schwärme immer noch von den exotischen Früchten, die auf den Philippinen wachsen. Die Palmen, Sterne am Himmel und das Geräusch des Meeres sind in meiner Erinnerung lebendig wenn ich an die Philippinen denke.

 

Ich habe wirklich alles. Aber wenn man mich fragt wovon ich träume, habe ich doch noch einen Traum. Jetzt bin ich gerade dabei meinen Traum zu verwirklichen: Ein Projekt für Kleinkinder auf den Philippinen - eine Betreuung für arme Kinder. Diese Kinder sollten die Chancen haben, ein paar Stunden der Woche wie im Kindergarten etwas zu lernen und zu spielen. Ich suche noch finanzielle Unterstützung und interessierte Menschen/Gruppen für dieses Projekt.

 

Was mir hierzulande gefällt, ist die Ordnung. Alle haben Ordnung, alles ist geregelt und organisiert. Die Stadt Esslingen bittet viele Möglichkeiten auch für Menschen mit Migrationshintergrund. Ich bin zufrieden mit den Dienstleistungen und der Infrastruktur, die Esslingen für ihre Einwohner zur Verfügung stellt.

 

Für mich bedeutet Integration miteinander zusammenzuleben und mitzuwirken. Offenheit für die unterschiedlichen Kulturen ist wichtig. Impulse geben und Interesse zeigen sollte ein beidseitiges Geben und Nehmen sein. Dadurch erreicht man mehr Verständnis füreinander. Das wünsche ich mir als Esslingerin weiterhin für eine tolerante Stadt wie Esslingen.

 

Der Text basiert auf einem Interview mit Aniceta Wetzel. Interviewerin/Verfasserin: Adi..

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ERNA PACER (Spätaussiedlerin) schreibt ...

Ich bin als Spätaussiedlerin 1997 in die BRD in die Stadt Leipzig mit der Familie eingereist.

 

Die neue Heimat hat uns mit Vorsicht aufgenommen, deswegen hatten wir das Gefühl, in der neuen-alten Heimat sind wir angekommen. So richtig angenommen worden waren wir jedoch nicht, weil die Sprache, obwohl wir von Kindheit an die deutsche Sprache - unseren Dialekt - gesprochen haben, nicht gereicht hat. Nun mussten wir uns mit meiner Tochter in das Leben in Deutschland einleben, es hat auch wunderbar geklappt.

 

Mein Hilfssyndrom hat mir dabei sehr geholfen, z. B. im Sprachkurs und im Übergangs­wohnheim den Leuten zu helfen, Mut zu machen, wenn sie die ersten Berge von Papierkram  in die zitterten Hände bekommen haben. So kam es, dass ich von Anfang an freiwilliges soziales Engagement leistete, ohne zu wissen, dass ich einen wichtigen Beitrag im Bereich Integration geleistet habe.

 

Von Anfang an habe ich mich bemüht, eine Arbeit zu finden. Mein Diplom konnte ich an den Nagel hängen, es wurde nicht anerkannt. Ich habe eine Arbeit, um den Lebensunterhalt zu verdienen, immer gefunden, aber für meine Seele habe ich immer ehrenamtlich den Leuten  geholfen und dabei auch selbst viel gelernt. So ging es immer weiter.

 

2001 sind wir mit meiner Tochter (wegen eines Ausbildungsplatzes) nach Karlsruhe  - also von Osten nach Westen -  umgezogen, wieder begann alles von vorne.

 

Im gleichen Jahr wurde ich zur Vorsitzenden der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland der Kreis- und Ortsgruppe Karlsruhe gewählt. Seitdem ist die Integration als Schwerpunkt meiner Arbeit mein Ziel. Schon nach den ersten vier Jahren meiner Tätigkeit wurde ich von dem Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich für  ehrenamtliches Engagement in der Stadt Karlsruhe gewürdigt.

 

Ich engagierte mich sowohl sozial als auch politisch für Integration der Deutschen aus Russland und Migranten, die Kulturarbeit und Bildung sind nach meiner Meinung ein wichtiger Bestandteil der Integration. Unter Integration verstehe ich nicht nur das „Miteinander leben“, sondern auch das „Einander helfen“.

 

In  der Stadt Karlsruhe ist unsere Arbeit anerkannt und seit 2009 wird mit Tat und Rat, auch finanziell unterstützt und die von mir gesetzten Ziele habe ich erreicht. Aus familiären Gründen bin ich wieder umgezogen und seit 2012 wohne ich in der schönen Stadt Esslingen. Dort  geht es mit der Integrationsarbeit weiter.

 

Ich habe keine Langweile und werde sie auch nicht haben. In Esslingen ist unser Motto „ ZU HAUS AM NECKAR“ – um allen Hilfestellung bei der Orientierung und Integration in der neuen Heimat zu geben.

 

Sie können uns in Esslingen im Bürgerhaus in der Weilstr.8 (Pliensauvorstadt) gerne besuchen:

Am Dienstag ab 17.00 Uhr und am Freitag ab 15.00 Uhr können Sie  unsere Angebote in Anspruch nehmen. Groß und Klein werden zu Tanzstunden oder zum Theaterspielen eingeladen. Der Seniorentreff  wird  noch  ausgebaut.

 

Für Kleinkinder gibt es eine Kunsterziehung, wo sie spielerisch die Grundlagen der russischen Sprache, Mathematik, Musik, Tanz und Kunst lernen können. Für Vorschulkinder wird im September mit einer Deutschlehrerin  Vorschulunterricht im Zollbergcafe´ stattfinden. Die Schulkinder können sich für die Hausaufgaben in Deutsch, Englisch und Mathe  melden.

 

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YUITO  WATANABE (Japan) schreibt ...

Mein Name ist Yuito Watanabe*. Ich bin 46 Jahre alt. Von der Nationalität her bin ich ein Deutscher mit japanischem Migrationshintergrund. Ich finde, dieser Ausdruck ist super, denn so etwas gibt es sicherlich nur in Deutschland. Meine Kinder sind halb japanisch und halb deutsch.

 

Seit 1997 lebe ich in Deutschland. Die erste Station war Berlin. Dort studierte ich Fahrzeugtechnik und davor, in Japan, habe ich Maschinenbau studiert. Durch mein Studium in Berlin bekam ich bei einem schwäbischen Unternehmen eine Stelle und wohnte für ein paar Jahre in Stuttgart. Dort lernte ich meine Frau kennen. Seit 2009 wohnen wir in Esslingen.

Als ich Kind war, schaute ich jeden Sonntagvormittag eine Sendung, die frei übersetzt "Kinder aus aller Welt"hieß, sehr gerne an. Das Alltagsleben von Kindern aus verschiedenen Ländern wurde dort vorgestellt. Damals hat mich das Leben in Europa irgendwie fasziniert.

 

Als ich in Japan studierte bekam ich 1990, trotz meiner dürftigen Englischkenntnisse, glücklicherweise einen Auslandpraktikumsplatz und zwar in Luxemburg. In Japan gab es damals im Allgemeinen kein Praktikum. Keiner brauchte es und keiner wollte es machen. Wenn ein Praktikumsangebot im Ausland war, winkte jeder Student ab.

 

Ich muss hier noch ergänzen, dass Englisch in Japan während der Schulausbildung sechs bis acht Jahre gelernt wird. Die Prüfung ist aber nur schriftlich, also mehr Multiple-Choice-Fragen und Lesen. Hören und Verstehen stehen nicht auf der Tagesordnung. Daher trauen sich die Studenten oft nicht ins Ausland zu gehen.

 

Zurück zu meinem Praktikum im Ausland. Ich war für zwei Monate in Luxemburg. Das war  wirklich ein Kulturschock. In Japan arbeitet man ganz lange, bis 19 oder 20 Uhr ist keine Seltenheit. Danach fährt man mit dem Zug ein bis eineinhalb Stunden nach Hause. Manchmal sogar noch länger wenn man sich keine Wohnung in der Nähe vom Bahnhof leisten kann. Vor kurzem hatte ich mit einer japanischen Firma zu tun. Ich habe hier bei uns um 16 Uhr eine E-Mail aus Japan bekommen. Dort war es aber ca. 24 Uhr!

 

In Luxemburg habe ich es anders erfahren. Die Kollegen kamen um 8 Uhr zur Arbeit und machten um 17 Uhr Feierabend. Außerdem wohnten sie nur ca. 20 Minuten vom Arbeitsplatz entfernt. Da musste ich wirklich nachdenken, was der Sinn des Lebens ist.

 

Ich kam relativ schnell zu der Feststellung, dass in Japan nach dem Motto  "das ist normal so, und alle anderen machen es auch so" das Problem sofort runter gespielt wird. Allerdings kann ich für mich sagen, dass ich schon seit meiner Kindheit mit der Mentalität "Du bist ok, wenn Du es wie die anderen machst"  ein Problem hatte. Ich habe festgestellt, dass es auch eine andere Art des Lebens als das in Japan gibt und so wollte auch ich mein Leben leben. Jedoch gibt es in der Welt nicht so viele Auswahl, wenn man in einer bestimmten Richtung etwas machen will.

 

Wegen meines Privatstipendiums von einer Firma, war ich gebunden und musste für sechs Jahre dort nach meinem Studium arbeiten. Eine frühzeitige Kündigung bedeutete, dass ich an die Firma ca. vierzigtausend Euro zurückzahlen müsste. Ich wäre jedoch erst mit 30 Jahren frei gewesen. Nach meiner Vorstellung wäre das ja schon zu alt gewesen. Das durchschnittliche Alter für den Arbeitsbeginn eines  Akademiker in Japan ist zwischen 22 und 23 Jahre.

Zufälligerweise traf ich eine alte Bekannte aus meiner Kindheit wieder, die Japan auch verlassen hatte und in Berlin wohnte. Sie klärte mich auf, dass es nicht zu spät sei, wenn man in Deutschland erst mit 30 Jahren anfängt, zu arbeiten. Ich glaubte ihr und habe dann auch die Erfahrung gemacht, dass das zutrifft.
 

Meine erste Begegnung mit Deutschland war, wie bereits erwähnt, mit Berlin. Der Berliner Akzent ist nicht gerade der Freundlichste. Die ersten zwei bis drei Monate meines Aufenthaltes hörte ich auf der Straße entweder "Nöö" oder "Käne Ahnung". Irgendwann  legte sich mein Entsetzen und ich stellte fest, dass die Berliner nicht böse sind. Das war schon mal eine kleine Wende.

 

1998 kam ich nach Stuttgart und mein Diplomarbeitsbetreuer war ein echter Schwabe. Bis ich ihn verstehen konnte, hatte  ich eine harte Zeit. Ein typischer Spruch von ihm war: "Desch isch aber Wurscht!". Ich stand vor ihm - ein großes Fragezeichen im Kopf.

 

Eine sprachliche Schwierigkeit verfolgt mich aber immer noch.  Als ehemaliger Japaner kann ich nicht "L" und "R" unterscheiden. Zu verstehen ist mittlerweile weniger problematisch, aber meine Aussprache bekomme ich immer noch nicht in den Griff. Vor kurzem verlangte ich in der Vesperkantine ein "Fleischküchle". Die Kassiererin machte große Augen und fragte "Reisküchle"???
 

In Japan muss man sehr darauf achten, was die anderen machen oder denken. Diesbezüglich habe ich nicht die japanischen Feinheiten und fühle ich mich in Deutschland sehr wohl. Es gefällt mir sehr gut, dass man in Deutschland seine Meinung aussprechen kann bzw. darf. In Japan ist es auch nicht verboten, aber wenn man die Stimmung von anderen nicht fein lesen kann, könnte es große Schwierigkeiten geben (und ich beherrschte damals diese Technik nicht so richtig...). Darüber hinaus profitiere ich hierzulande von der problem- und

themenorientierten Denkweise der deutschen Mentalität.

 

Als Esslinger wünsche ich mir in einigen Stadtteilen eine noch bessere Verkehrsverbindung und in der Innenstadt eine Verbesserung des Parkplatzangebotes.

 

* Name von der Redaktion geändert.

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LALEH GOMARILUKSCH (Iran-Philippinen) schreibt ...

Ich bin Laleh Gomari-Luksch, eine Doktorandin an der Universität Tübingen. Ursprünglich komme ich aus Manila auf den Philippinen. Ich lebe seit September 2008 hier in Deutschland, bin aber erst vor etwa drei Jahren nach Esslingen gezogen.

 

Mein Vater ist Iraner und meine Mutter war Philippinin, deshalb habe ich sowohl auf den Philippinen als auch im Iran gelebt. Von 1998 bis 2002 besuchte ich die internationale Schule in Teheran und lernte dort viele Deutsche kennen. Sie waren alle freundlich, sprachen gut Englisch und erzählten viel über das Leben in Deutschland. Bekanntlich gibt es im Iran kaum Freiheit für Frauen, weshalb ich mich sehr dafür interessierte, ob es in anderen Ländern genauso wie im Iran oder eher wie auf den Philippinen ist, wo Frauen frei sind. Andere Kulturen fand ich interessant und war immer neugierig etwas Neues über fremde Länder zu lernen.

 

Als ich auf die Philippinen für ein Bachelorstudium zurückkehrte,  entschied ich mich, Internationale Beziehungen zu studieren und erfuhr dadurch mehr über Europa und Deutschland. Viele Bücher und Artikel, die ich für mein Studium gelesen habe, waren von deutschen Professoren geschrieben, von denen zwei von der Universität Tübingen stammten. Während meines Studiums an der De La Salle University in Manila habe ich eine Organisation für internationale Studierende namens United International Students Organization gegründet und viele ausländische Studenten kennengelernt, unter anderem den Mann meines Lebens. Wir haben für ein Jahr in Manila gelebt, sind dann aber nach Deutschland gezogen, als mein Mann einen Job in Baden-Württemberg gefunden und ich kurz darauf die Zulassung für ein Masterstudium an der Uni Tübingen im Fach Friedensforschung und Internationale Politik erhalten hatte.

 

Zu Beginn meines Studiums sprach ich kaum Deutsch und es war sehr schwierig, weil die Unterrichtssprache Deutsch war. Zum Glück waren aber alle meine Kommilitonen sehr hilfsbereit, sodass  sich mein Deutsch langsam aber stetig verbesserte.

 

Ich habe hier in Deutschland viele schöne und lustige Dinge erlebt. Wegen meiner Größe denken viele, dass ich noch unter 18 bin. Beispielsweise gab mir ein Mann während des Bürgerentscheids für Stuttgart 21 einen Flyer und fragte mich, ob ich wählen kann. Da ich damals noch keine deutsche Staatsbürgerin war, sagte ich, dass ich nicht wählen kann. Bevor ich meinen Satz beendet hatte, sagte er „Naja, Sie sind noch zu jung oder? Sie dürfen noch nicht wählen!“.

 

Das war nicht das letzte Erlebnis dieser Art. Eines Tages klingelte ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation – gefühlte zwei Meter groß und etwa Mitte vierzig – an unserer Tür. Nachdem er seinen kurzen Monolog beendet hatte, fragte er mich doch tatsächlich:  „Sind Mama und Papa da?“. Ich wollte laut loslachen, beherrschte mich aber noch und schüttelte nur mit dem Kopf. Dann beugte er sich zu mir herunter und fragte weiter: „Wann kommen Mama und Papa denn nach Hause?“ Als ich ihm antwortete: „Soll ich meinem Mann etwas ausrichten, wenn er wieder zu Hause ist?“, wurde er rot, lächelte verlegen und verabschiedete sich.

 

Ich habe Deutschland als ein sehr offenherziges Land mit vielen lebensfreudigen  und höflichen Menschen erlebt. Es hat aber auch viele ungeschriebene Regeln, die es einem Neuankömmling, der diese nicht kennt,  nicht ganz leicht machen. "Typisch Deutsch" ist für mich Struktur in allem und jedem, von der Sprache bis zur Lebensweise, was seine Vor- und Nachteile hat.

 

Einerseits mag ich die Ordnung und Sauberkeit hier im Ländle. Nicht zu vergessen die Pünktlichkeit. Anders als auf den Philippinen erscheinen Deutsche nicht eine halbe bis eine Stunde zu spät zu einer Verabredung. Da ich für mein Leben gern plane (mein Studium, Reisen, Essen), kommt mir die deutsche Gewohnheit zu planen, sehr entgegen. Andererseits messen die Deutschen gern alles, weshalb Status eine große Rolle in der Gesellschaft spielt. Jenes Statusdenken führt nicht selten dazu, dass Menschen mit fremden Wurzeln, denen es oft an Status fehlt, in eine Schublade gesteckt werden, weil ihr Wert als Mensch nicht (an)erkannt wird.  Deswegen wünsche ich mir für Esslingen, dass es mehr Austausch zwischen Deutschen und Menschen mit internationaler Herkunft gibt, um gemeinsam an Lösungen für die anstehenden Herausforderungen zu arbeiten.

 

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OLGA (Russland) schreibt ...

Hallo Ihr alle, ich heiße Olga und komme aus Russland was man ja schon durch meinen Namen erahnen kann. Bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich in meiner Geburtsstadt Perm gelebt, dort als Ärztin gearbeitet und einen passenden Mann für mich gesucht. Wie alle Mädchen habe ich von meinem Prinzen geträumt. Nachdem ich aber nicht fündig wurde, habe ich mich entschieden in Europa nach „Ihm“ weiterzusuchen.

 

Nach ein paar Jahren ist es dann passiert; Liebe und Heirat. Mein Prinz war aus Deutschland und deshalb bin ich in Deutschland gelandet. Meine früheren Urlaube habe ich gerne in Europa gemacht, ganz besonders in Deutschland. Grandiose Landschaften, tolle Orte, Weltkulturerbe-Sehenswürdigkeiten und Sauberkeit, das hat mich schon immer fasziniert. Also kam zur Liebe noch das Glück hinzu gerade in diesem Land leben zu können.

 

Ich kam mit Englisch nach Deutschland und habe die deutsche Sprache erst hier gelernt. Deutsche Sprache - schwere Sprache! Es gab sehr viele Missverständnisse und lustige Situationen. Zum Beispiel im Gespräch mit meinen Freunden habe ich das berühmte russische Ballett „Schwanensee“ „Schweinensee“ genannt und konnte überhaupt nicht verstehen warum die Leute lachten. Ich dachte sie kennen dieses Ballet nicht und versucht auch noch zu erklären was „Schweinensee“ ist. Nach ein paar Minuten Lachkrampf hat dann jemand gesagt, dass man das, was auf dem Wasser schwimmt, Schwäne und nicht Schweine nennt und so konnte ich endlich auch lachen.

 

Wie unterschiedlich wir sind, Russen und Deutsche? Ich glaube schon, dass es mehrere Unterschiede gibt, aber die russischen und deutschen Mentalitäten sind nicht so verschieden voneinander wie zum Beispiel zu Südländischen.

 

Auf den ersten Blick können Russen für Deutsche unfreundlich und verschlossen wirken. Das liegt unter anderem daran, dass es in Russland nicht üblich ist, fremde Menschen anzulächeln. Trotzdem sind Russen gastfreundlich, großzügig, gefühlsbetont und haben eine große Seele.

Was mir an deutschen Menschen gut gefällt ist dass sie beispielsweise fleißig, arbeitsam, pünktlich und im Allgemeinen verlässlich sind.

 

Schon seit langer Zeit sind Russland und Deutschland vor allem politisch und kulturell miteinander verbunden. Früher mehr über die Königshäuser, später dann zunehmend auch über die schönen Künste, klassische Musik und mehr. Trotz unserer Unterschiede können wir ganz gut mit einander kommunizieren, einander verstehen und zusammen leben. Das macht unser Leben interessanter, voller und bunter – so sehe ich das jedenfalls.

 

Seit ein paar Jahren bin ich nun Esslingerin und glücklich damit. Ich liebe diese wundervolle Stadt in der sich Kultur, Natur, Moderne und manches mehr verbinden. Diese Stadt gehört für mich zu den schönsten Städten, die ich in Deutschland gesehen habe, und ich bin froh hier zu sein.

 

Ich wünsche uns allen, Deutschen und Ausländern, uns besser verstehen zu lernen, unser Zusammenleben aktiv zu gestalten und das Gute voneinander anzunehmen.

 

* Herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung von Beate Barzen-Meiser, Birgit Duell und Holger Kögl.

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