Silke Leidl

(Sprachlehrerin an der Volkshochschule Esslingen)

 

S. Leidl (Mitte / Foto: SL)

Wie ich dazu gekommen bin, jetzt Deutsch-Kurse im Raum Esslingen zu geben, weiß ich selber nicht, denn normalerweise führte mich mein Weg in die Industrie.  Zugegeben, vorher war ich Deutsch-Lehrerin an einer Deutsch-Sprachschule im Ausland, wo mir allerdings der Bezug zur Praxis ein bisschen fehlte. Heute kommt mir gerade diese Verbindung, die Deutsche Sprache praxisorientiert vermitteln und mit tausenden von Beispielen aus dem Berufsalltag belegen zu können, sehr  zugute. Die meisten der Teilnehmer in meinen Kursen verfügen bereits über erste Erfahrungen im deutschen Berufsalltag und wissen, wie sehr die Kommunikation im Unternehmen an einzelnen Ausdrücken, Erläuterungen oder Beschreibungen von Vorgängen oder Produkten hängt. Das „Aha“-Erlebnis ist dann immer wieder toll, wenn sie erfahren, wie man das „auf Deutsch“ beschreiben oder sagen kann.

Inzwischen haben, wie allen bekannt sein dürfte, auch Integrations- und Alphabetisierungskurse einen Großteil unserer normalen Sprachkurse abgelöst. Das erfordert natürlich auch für uns Lehrkräfte nicht nur eine entsprechende Weiterbildung, die wir in Zusatzqualifizierungen erwerben müssen, sondern auch einen Mehraufwand an Zeit, Hingabe und vor allem Empathie für die Flüchtlinge.

 

In meinem Berufsalltag begegnen mir Menschen aus aller Herren Länder. Neben Syrien und Irak kommen sie aus Gambia oder Brasilien, auch Eritrea oder Somalia. Die Mischung macht es aus. Es ist nicht nur sehr interessant und man lernt auch als Lehrkraft nicht nur dazu, es  macht auch Spaß. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zu oft kommen manchmal Dinge im Gespräch oder im Erfragen einer Sache heraus, die sehr lustig sind.

 

In einem meiner Flüchtlingskurse haben wir zu Beispiel die Negationsartikel „kein / keine“ gelernt. Ich begann an die Tafel zu schreiben, was sie alles schon so im Alltag gehört hätten, und begann mit dem Beispiel „keine Zeit“, ein anderer fügte hinzu: „kein Geld“, ein dritter: „keine Wohnung“, noch einer säuselte „kein Ausweis“ und der nächste meinte „kein Auto“. Dann sang einer aus der Ecke heraus das zurzeit vor allem unter den jungen Leuten aus dem Internet bekannte Lied “…ist mir egal, ist mir egal“. Wir mussten alle so lauthals lachen, dass sich jeder bei der Gelegenheit sicher eingeprägt hat, wofür wir die Negationsartikel verwenden.

 

In einem Einsteigerkurs für Alphabetisierung (das sind Kurse, wo Flüchtlingen das Lesen und Schreiben unseres Alphabets beigebracht wird) lernten wir das erste Wort „Mama“ und ich bat die Teilnehmer, dieses Wort in ihre Hefte zu schreiben.  Natürlich kontrollierte ich dies auch und sah, wie ein (noch sehr junger Mann,  eine ganze Zeile mit meinem Namen schrieb. Ich fragte ihn, warum er denn meinen Namen schreibe. Er antwortete: „Na, du bist doch jetzt unsere Mama“ – und wieder war das Gelächter groß. Mir selbst wurde dabei wieder einmal bewusst, wie sehr sie offensichtlich ihre eigenen Mütter vermissen. 

 

Etwas später lernten wir die Buchstaben E, S und L kennen und wir zogen die Buchstaben zu dem Wort „Esel“ zusammen. Pech für den, der gerade an diesem Tag eine graue Jacke trug, denn sein Freund rief ihm scherzhaft zu „Esel“ und nicht nur er musste wieder herzlich lachen, sondern wir alle. Später kam das „U“ und das „H“ hinzu und die Revanche folgte auf den Fuße, denn da der Besagte ziemlich groß und schwerfällig von Statur war, war er nun unser „Uhu“. Und so ungefähr verläuft der „Unterricht“ in diesen Kursen.

 

Inzwischen weiß ich, dass ihr befreiendes Lachen oft auch damit zu tun hat, dass es in den Flüchtlingsunterkünften oft nichts zu lachen gibt.

Jede Nacht ist für sie Stress pur, da der Lärmpegel vor allem in den Turnhallen, wo nicht selten um die 100 Leute untergebracht sind, oft nicht auszuhalten ist. Sie schlafen nachts kaum mehr als 3-4 Stunden – und auch das nur mit Kopfhörern oder „Ohropax“. Einen stillen Platz zum Erledigen der Hausaufgaben, zum Lesen oder einfach mal zum „Abschalten“ gibt es dort nicht.  Das Abschalten von diesem Alltag erfolgt dann logischerweise bei uns im Unterricht. Und ich verstehe es zu gut, wenn manche dann in ruhigen Minuten des Schreibens o.ä. plötzlich ganz müde werden, weil es schön ruhig und warm ist und sie die entspannte Atmosphäre einfach genießen.

 

Es ist ein etwas anderer, als der herkömmliche „Unterricht“, so wie wir ihn gewöhnt sind. Andere Voraussetzungen kommen hier zum Tragen – nicht immer nur die, die man in einem Hochschulstudium erworben hat. Damit kann man nur begrenzt etwas anfangen. Plötzlich hat man Menschen direkt vor sich, die einem erzählen, dass sie sich drei Stunden lang irgendwie über Wasser gehalten haben, bevor sie von irgendwelchen Behörden gerettet wurden. Sie beschreiben es dir mit Händen und Füßen. Die Geschehnisse sind noch sehr frisch bei ihnen. Im gleichen Atemzug erwähnen sie die Frauen und Kinder, die diese Stunden natürlich nicht überlebten und ertranken. Manche zeigen dir Handy-Mitschnitte von der Ankunft ihrer Boote auf dem Festland und die dabei überaus hoffnungsvolle Stimmung. Wenn ein Flüchtling vom Boot ins Wasser fiel, wurde nicht umgedreht sondern weiter gefahren. Die Stimmung, die dabei rüberkommt, wenn sie dir dies erzählen, kann man nicht beschreiben.

 

Einer meiner Kursteilnehmer war gedanklich ständig abwesend. Man hatte das Gefühl, alles geht wie ein Film an ihm vorbei. Später erfuhr ich, dass seine Eltern und seine drei Brüder im Schlaf getötet wurden. Sie waren schon im Bett und schliefen, als ihr Haus von einer Rakete getroffen wurde. Sie waren ausnahmslos alle sofort tot. Er kam wohl gerade erst heim und stieg aus dem Auto, als dies geschah. Am Tag darauf machte er sich auf den Weg nach Deutschland. Er hatte nichts mehr. Wo seine Frau und sein Kind abgeblieben sind, hat er nicht mehr erfahren können.

 

Das Problem bei ihm ist nun auch die Sprache. Er kann sich nicht nur mit mir, sondern auch mit den anderen Flüchtlingen kaum verständigen, denn er ist Kurde. Und die Kurden sprechen eine andere Sprache als die Flüchtlinge aus Syrien und Irak. Sie müssen sich also bildhaft vorstellen, wie Kurden, Syrer und Iraker versuchen, sich untereinander die deutsche Grammatik zu erklären. Sie selbst als Lehrkraft verstehen davon kein Wort. Man braucht dazu eine Menge Verständnis, Empathie und auch Humor. Und man muss aufpassen, dass der Einzelne nicht das Handtuch wirft, wenn er merkt, die anderen verstehen etwas, er selber jedoch nicht.  

 

In anschließenden Übungen stellt sich dann heraus, ob dies erfolgreich war. Dementsprechend üben wir weiter – so lange, bis es wirklich der Letzte begriffen hat.  So einfach ist es jedoch nicht, wenn die Geschehnisse Einzelne so sehr traumatisiert haben, dass sie mit den Gedanken immer woanders sind. Meiner Meinung nach bräuchte er psychologische Hilfe um dies zu verarbeiten…

 

Hinzu kommen nun die politischen Entscheidungen unserer Regierung, die einen Nachzug der Angehörigen nicht erlauben. Ich weiß nicht, wo das enden soll, denn wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Kinder für die nächsten Jahre nicht sehen und ihnen auch nicht helfen könnte, wäre das für mich furchtbar.  Ich hoffe deshalb sehr, dass man diese Entscheidung noch revidiert. Denn man sollte auch bedenken, dass die Leute, die sich tagtäglich um ihre Frau und ihre Kinder in Kriegsgebieten sorgen müssen, bei uns auch keine Leistung bringen werden, und sicher auch nicht die Motiviertesten sind. Und sie sollen sich ja bei uns integrieren „wollen“. Für unsere Zukunft und um dem demografischen Wandel entgegen zu wirken, brauchen wir jedoch vor allem auch deren Frauen und Kinder. Die Strapazen einer solchen Reise nach Deutschland sind allerdings gerade ihnen nicht zuzumuten und ohnehin lebensgefährlich.

Ich hoffe deshalb sehr, dass ich hiermit ein Umdenken der entsprechenden Entscheidungsträger bewirken kann.  (Ich spreche hier von Nichtkriminellen).

 

Für die bei uns angekommenen Flüchtlinge tue ich weiterhin alles, um ihnen die Dauer der vorübergehend stressigen Lebenssituation und deren Integration trotz der inzwischen sehr langwierigen administrativen Erfordernisse wenigstens etwas zu erleichtern. Und damit stehe ich nicht allein, sondern für viele, die derzeit nicht nur in Esslingen mit einem gehörigen Mehraufwand an Zeit und Energie den Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Vor allem vor den Ehrenamtlichen, mit denen ich bei deren Begleitung der Flüchtlinge in die Deutschkurse immer wieder zusammentreffe, ziehe ich meinen Hut. Ich weiß, was dies jedem Einzelnen tagtäglich abverlangt und sage auf diesem Wege mal DANKE für dieses Engagement, was ich in diesem Zusammenhang vor allem in Esslingen feststellen durfte.

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