Annette Berner

(Lehrerin am Technischen Gymnasium der Friedrich-Ebert-Schule)

 

Foto: AB

Lehrerin? Niemals! Deutschlehrerin? Schon gar nicht. - Dass ich trotzdem Deutschlehrerin wurde, ist die Folge einer Kombination von Zufällen und Neugier, Sachzwängen hier, offenen Türen da, aber vor allem vielen guten Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern.

Und tatsächlich mag ich diesen Beruf, jedenfalls meistens.

Seit ca. 20 Jahren unterrichte ich an beruflichen Schulen, schwerpunktmäßig im Technischen Gymnasium, teilweise in Berufsschulklassen, z. B. im Metall- und Elektrobereich, jahrelang auch in weiterführenden Schularten wie dem Berufskolleg oder der Technikerschule. Meine Schüler sind also hauptsächlich Jungs auf dem Weg zur Volljährigkeit oder junge Erwachsene; Schülerinnen sind in diesen Klassen nur vereinzelt zu finden.

Was bedeutet das für den Alltag im Deutschunterricht?

Viele meiner Schüler lesen nicht gerne längere Texte. Die Mehrheit stöhnt gequält, wenn es an die Pflichtlektüren geht. Und keiner schreibt begeistert Aufsätze.

„Frau Berner, ich will Elektrotechnik studieren! Wozu muss ich da den Unterschied zwischen einer Metapher und einem Vergleich wissen?“

Wahrscheinlich muss man das für ein E-Technik-Studium wirklich nicht. Aber jeder Mensch, der in unserer pluralistischen Gesellschaft und in dieser komplizierten Welt ein selbstbestimmtes Leben führen und seine Interessen in den politischen Prozess einbringen möchte, muss in der Lage sein, Widersprüche in Texten oder Reden aufzuspüren, unzulässige Vermischung von Thesen und Argumenten zu erkennen oder den manipulativen Einsatz von rhetorischen Mitteln zu durchschauen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Zugegeben: das ist oft mühsam. Aber gerade im Internet-Zeitalter ist die Relevanz dieser Fähigkeit offensichtlich.

Aber wozu dann auch noch Romane, Dramen oder gar Gedichte?

Die intensive Beschäftigung mit Literatur weitet unseren Blick und ermöglicht uns ein vertieftes Verständnis unserer selbst, unserer Mitmenschen und der uns umgebenden Welt. Auch davon bin ich zutiefst überzeugt.

Und so sezieren wir Texte, versuchen ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, interpretieren literarische Werke, hinterfragen Zusammenhänge… und versuchen permanent, für unsere Eindrücke präzise Formulierungen zu finden. Die Bedeutung von Sprache als Schlüssel zum Verständnis und zur Verständigung wird in manchen Momenten fast mit Händen greifbar.

An guten Tagen entstehen Widerspruch, gelegentlich Empörung oder ungeahnte Assoziationen und Deutungen, die mich oft überraschen, manchmal begeistern und auf die ich ohne meine Schülerinnen und Schüler nicht gekommen wäre. Und an ganz besonders guten Tagen fällt der Satz: „Na ja, so schlecht ist das Buch ja doch gar nicht...“

„Neben der Lampe? - Es heißt doch die Lampe! Der Lampe ist falsch!“

Solche Fragen stellen sich seit September 2014 in meinen anderen Deutschstunden. Von einem Tag auf den anderen war die Turnhalle des Berufsschulzentrums plötzlich Flüchtlingsunterkunft und der Bedarf an ehrenamtlicher Sprachhilfe sowie an regulärem Unterricht in den Vorqualifizierungsklassen war und ist riesig.

Die Begegnung mit den Geflüchteten hat meinen Blick auf diese Welt, aber auch auf unsere Gesellschaft verändert.

Zunächst einmal: Es gibt keinen Grund, Angst zu haben vor den Menschen, die hier Zuflucht suchen. Im Gegenteil!

Tatsache ist, dass ich aus jeder Deutschstunde, ob ehrenamtlich oder regulär, fröhlicher herauskomme, als ich hineingehe.

Was gibt es alles zu lachen – über unregelmäßige Wortbildungen, kaum dass man glaubte, die Regel verstanden zu haben; über wundersame Phänomene in Deutschland („Wie? An Ostern legen Hasen Eier??“ oder: „Man muss bezahlen, wenn man sein Auto parkt???“); über völlig unverständliche – weil schwäbische – Äußerungen von Trainern, Lehrern, Ehrenamtlichen: „Frau Berner, mein Trainer ruft immer:  ,Bressa!' - Was, bitte, heißt das?“ Tja, und was heißt „leeda“ und „schaumama“? Rätsel über Rätsel… (Auflösung: „Pressen!“, „löten“ und „Schauen wir einmal.“)

 

Tatsache ist auch, dass ich in jeder Stunde etwas lerne, z. B. über die Herkunftsländer, über kulturelle Besonderheiten, über andere Religionen. Es ist bereichernd, dies mit unseren Traditionen, Gewohnheiten und Denkweisen zu vergleichen und Hintergründe zu erforschen. Und immer wieder komme ich zum selben Ergebnis, das Master Fleapit auf dem Esslinger Mittelaltermarkt so zusammenfasst: „Kultur plus Kultur gleich mehr Kultur!“

 

Unsere Kinder sollten unsere Vorbilder sein!

Kinder gehen, vielleicht nach wenigen Augenblicken der Schüchternheit, völlig unbefangen mit Flüchtlingen um:

Sie fragen ihnen förmlich Löcher in den Bauch: „Wie lange hast du von deiner Heimat hierher gebraucht? Gibt es in deiner Heimat wilde Tiere? Was ist dein Lieblingsessen? Gefällt dir Deutschland? Bist du schon einmal vor einem Krokodil weggerannt? Vermisst du deine Familie?“ Die Antworten darauf sind direkt, ehrlich und es entsteht ein zutiefst menschlicher Dialog, weit über das hinaus, was wir täglich in den Nachrichten zu hören bekommen.

Die Begeisterung der Kinder ist kaum zu bremsen, wenn sie zu afrikanischen Trommelschlägen singen und tanzen oder selbst die Trommelrhythmen ausprobieren dürfen. Musik ist eine universelle Sprache und wenn man sie gemeinsam „spricht“, macht sie einfach glücklich!

Glücklich macht aber auch leckeres Essen, und wenn Kinder erst einmal selber ein syrisches oder afrikanisches Gericht gekocht haben, dann heißt es plötzlich zu Hause: „Mama, kannst du auch mal Domoda kochen?“ Siehe oben: Kultur + Kultur = mehr Kultur!

 

Wenn ich Flüchtlinge zu meinen „großen“ Schülern, z. B. Berufsschülern oder Oberstufenschülern, mitnehme, erlebe ich immer, wie sich Nachdenklichkeit ausbreitet: Nachdenklichkeit über Fluchtgründe wie Krieg und Bürgerkrieg, Unterdrückung und Diktatur, Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit, Nachdenklichkeit angesichts der ungeahnten Übereinstimmungen zwischen christlichen und muslimischen Geboten und schlussendlich immer die erschrockene Erkenntnis, dass Demokratie und Menschenrechte, Sicherheit und Freiheit, wie wir sie hier haben, kein bisschen selbstverständlich, sondern unendlich kostbar sind.

Was mir im Gemeinschaftskunde-Unterricht oft nicht gelingt, nämlich Begeisterung für unser politisches System zu wecken, gelingt den Flüchtlingen mit knappen Erzählungen aus ihren Herkunftsländern. Und noch mehr: Die Schüler begreifen, dass nationalistische Töne die Universalität der Menschenrechte in Frage stellen und damit das Fundament unserer Verfassung schwächen.

Diese Gespräche zwischen Schülern und Flüchtlingen führt dazu, dass „die Flüchtlinge“ für meine Schüler keine anonyme „Masse“, keine abstrakte „Flüchtlingskrise“ mehr sind und meine Schüler für die Flüchtlinge nicht mehr „die Deutschen“. Stattdessen finden hier Begegnungen statt zwischen Menschen, d. h. zwischen Persönlichkeiten mit Namen, Gesichtern und individuellen Geschichten.

Am Ende steht immer die Erkenntnis, dass die Flüchtlinge „ganz normale“ Menschen sind, alt oder jung, ernst oder fröhlich, besorgt oder voller Hoffnung und Zuversicht, in jedem Fall aber erfüllt von dem Willen, Deutsch zu lernen, die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln dieser Gesellschaft zu durchschauen, Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden – kurz: sich hier einzufügen und Sicherheit zu finden. Man muss keine Angst vor ihnen haben! In den krassen Worten eines Vaters aus Syrien ausgedrückt: „Warum habt ihr Angst vor uns? Wir kommen nicht, um euch zu berauben oder eure Kinder zu missbrauchen. Ich bin gekommen, um mein Leben zu retten und das meiner Frau und meiner Kinder!“

 

Meine Kinder, 10, 8 und 6 Jahre alt, reagieren verständnislos, wenn sie von Ängsten gegenüber Flüchtlingen hören. Sie lieben es, ihre Freunde aus Eritrea, Gambia, Syrien oder anderen Ländern in deren Unterkünften oder beim Begegnungscafé zu besuchen. Nirgendwo finden sie sonst so viele Leute auf einmal, die bereit sind, mit ihnen zu spielen, den Kuchen zu teilen, Quatsch zu machen oder beim Mensch-ärgere-dich-nicht zu verlieren. Und nirgendwo sonst passen so viele Menschen gleichzeitig auf, dass meine Kinder nicht beim Balancieren von der Mauer fallen, sich beim Obstschälen nicht in die Finger schneiden, dass der Tee nicht zu heiß ist oder dass bei Kälte der Schal fehlt.

Und ich? Jeden Abend, wenn ich meine Kinder ins Bett bringe, erfüllt mich ein Gefühl demütiger Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass wir am nächsten Morgen wieder alle zusammen am Frühstückstisch sitzen werden: Unser Haus wird in dieser Nacht nicht bombardiert werden. Mein Mann wird nicht von einer Geheimpolizei verhaftet werden. Keine marodierenden Horden werden ins Haus eindringen. Meine Kinder kennen nichts von alldem und schlafen seelenruhig: „Gute Nacht, Mama. Bis morgen früh!“

Wenn ich anschließend durch die Tagesschau erfahre, dass wieder eine Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt wurde, wenn ich dann Leute höre, die angesichts dieses Verbrechens „Verständnis für die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger“ äußern und sich damit zu Mittätern machen, wenn ich erlebe, dass aus „Sorge“ gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft agitiert und konspiriert wird, gleichgültig ob aus blankem Rassismus oder „nur“ aus Furcht vor „Wertverlust“ des trauten Eigenheims, wenn ich die unverhohlenen Hass- und Hetzkampagnen des AfD-Wahlkampfes verfolge und die Wahlergebnisse zur Kenntnis nehmen muss, dann packt mich eine Mischung aus Wut, Entsetzen, Trauer und Scham. Schützen uns unsere viel beschworene Kultur und unsere Werte vor dem Rückfall in die Barbarei? Oder ist die Zivilisation wirklich „nur eine dünne Haut, die jederzeit zerreißen kann“, wie Bärbel Bohley angesichts des Bosnienkrieges schrieb?

Diese Frage macht mir Angst. Sie zwingt mich aber auch dazu dagegenzuhalten. Die Sympathisanten von AfD, Pegida und Co. dürfen nicht die Meinungsführerschaft gewinnen! Wie können wir das verhindern? Es gibt nur ein Mittel: reden, reden, reden, und zwar alle miteinander, „alte“ wie „neue“ Bewohner dieses Landes.

Damit wären wir wieder beim Deutschunterricht angekommen und bei der Überzeugung, dass Sprache das wichtigste Instrument zum Verstehen und zur Verständigung und einem friedlichen Miteinander ist.

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