Ausgabe 2*

Esslingerinnen und Esslinger von der zweiten und dritten Generation

 

Wer ist Esslinger der zweiten und dritten Generation? Die Esslingerinnen und Esslinger, die hierzulande geboren und aufgewachsen sind, deren Großeltern oder Eltern (bzw. ein Elternanteil) aber interkulturelle Wurzel haben. Oder auch Menschen, die bereits in jungen Jahren zu ihren Eltern in Deutschland nachwanderten. Sie sind innerhalb, aber auch neben der deutschen Kultur aufgewachsen. Die Zahl dieser Menschen wird in näherer Zukunft weiter steigen. Nach Hoßman und Karsch vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sind insgesamt etwa zwei Drittel der Personen mit Migrationshintergrund selbst Migranten (erste Generation), während knapp ein Drittel bereits in Deutschland geboren wurde (zweite oder weitere Generation).

 

Anders als die erste Generation, die mit ihrer Heimat emotional noch verbunden ist, erlebt die zweite und noch mehr die dritte Generation diese Erfahrung nicht mehr. Bei ihnen bleiben Elemente durch Zuschreibungen oder Familienerzählungen und das Erscheinungsbild wie Namen, Aussehen, Akzent oder Kleidung, schrieb die deutsche Sozialwissenschaftlerin Foroutan (2010).

 

Menschen der zweiten oder dritten Generation, obwohl sie in deutscher Umgebung aufgewachsen sind und Deutschland ihr Bewegungsraum ist, haben oft „Probleme“. Probleme mit den Großeltern oder Eltern, die finden, dass die Kinder nicht mehr ihre Herkunft und Identität wahrnehmen, wie es die (Groß-)Eltern selber tun. Probleme, dass die Kinder, insbesondere der zweiten Generation, sich ständig selbst erklären, wer sie sind, denn „die Ausländer“ sind die Eltern, nicht sie! Manche, die sich als Deutsche sehen, versuchen es dadurch zu zeigen, dass sie sich wie „die Deutschen“ benehmen und das tun, was die Deutschen machen, um sich so eine „deutsche Identität“ zu holen. Manche suchen eine eigene Identität, z.B. „Kanake“ als Identität, die eine Selbstbezeichnung von jugendlichen Migranten ist. Hier fühlen sie sich akzeptiert und haben kein Fremdheitsgefühl, wenn ihr Kreis genauso wie sie selbst ist. Vielleicht sind die oben genannten Probleme wesentlich mehr die der Leute, die weder der zweiten noch einer weiteren Generation angehören, sondern die von Außenstehenden. Wenn die Leute sie fragen, wer sie eigentlich seien, ist das eher ein Problem dieser Leute, die insbesondere die zweite und dritte Generation zu kategorisieren versuchen. Eine Gesellschaft, die von dieser Generation verlangt,  sich als „nicht-deutsch“ zu bezeichnen, weil sie einen anderen Namen oder ein anderes Aussehen hat, schafft Probleme.

 

Was bedeutet „Deutschsein“ und „Nicht-Deutschsein“? Wie setzen sich Menschen mit ihrem kulturellen Anders- oder sogar Fremdsein auseinander, obwohl in Deutschland aufgewachsen sind? Welche Erlebnisse haben sie? Wie gehen sie z.B. mit der Frage: “Woher kommst Du wirklich? “ oder mit dem oft als Kompliment gemeinten: „Sie sprechen aber gut Deutsch“ um? Vor allem die zweite Generation hat eine Gemeinsamkeit: Sie lebt sowohl in der Deutschen- als auch in der Herkunftskultur der Eltern. Bei manchen ist der Einfluss der Herkunftskultur schwach ausgeprägt, weil die Eltern (bzw. ein Elternteil) in der deutschen Lebensgestaltung voll integriert sein wollen. Bei den anderen ist die Verbindung zur Heimatskultur der Eltern noch stark. Bei Menschen der zweiten und dritten Generation kommt es vor, dass sie in zwei Welten leben. Einerseits sind sie in Deutschland geboren und aufgewachsen und sprechen möglicherweise akzentfrei Deutsch. Andererseits möchten sie die Andersartigkeit ihrer (Groß-)Eltern bewahren. Hauptsächlich zweite Generation steht oft zwischen (mindestens) zwei Kulturen, manchmal hat sie die Wahl zwischen der einen oder anderen Seite, manchmal aber auch nicht und oft befindet sie sich sogar dazwischen.

 

Es kann noch dauern, bis die zweite und die folgenden Generationen als Deutsche anerkannt werden, diese neuen Deutschen, die nach Meinung von Foroutan in der Zukunft nicht mehr durch Herkunft, Abstammungsstrukturen und Genetik definiert werden. Eine Generation, die einfach akzeptiert wird, so wie sie ist, unabhängig davon, wie sie aussieht, welche Religion sie hat, denn sie ist deutsch. Dass sie Anerkennung hier in Deutschland findet, das hoffen wir!

 

Die Erzählungen von der zweiten und dritten Generation können uns eventuell zum Nachdenken bringen. Erfahren Sie es selbst durch die Artikel von fünf Autorinnen und Autoren. Ihnen interessante Erzählungen! [Adi]

 

 

Foto: Mathangi

ICH BIN MATHANGI

 

Mein Name ist Mathangi Thangarasa und ich besuche die zwölfte Klasse des Theodor-Heuss-Gymnasiums. Ich bin 17 Jahre alt und wurde 1997 hier in Esslingen geboren. Ich besitze seit einigen Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit. Meine beiden Muttersprachen sind Deutsch und Tamil. In der Schule lerne ich Englisch und Französisch.

 

Wie schon mein Name verrät, kommen meine Eltern aus Sri Lanka, eine kleine schöne Insel unter Indien. Dort gibt es zwei Bevölkerungsgruppen, die Tamilen und die Singhalesen. Es herrschte dort lange Zeit Bürgerkrieg zwischen den Gruppen und deshalb sind meine Eltern hier nach Deutschland geflüchtet.  Die Sprache Tamil habe ich zuerst zuhause von meiner Mutter und später in der Schule gelernt. Ich habe damals als kleines Kind meine Mutter gefragt, ob sie mir die Sprache beibringen kann, da ich diese Sprache auch sprechen wollte.

 

Ich fühle mich sehr zu meiner Heimat verbunden, da viele meiner Verwandten noch dort leben und ich hier auch zur tamilischen Schule gehe. Ich war schon zweimal in Sri Lanka und habe mich sofort wohlgefühlt, obwohl es im Vergleich zu Deutschland ganz anders ist. Zudem tanze ich Bharatanatyam, ein klassischer Tanzstil aus Indien und Sri Lanka, und besuche regelmäßig den Tempel in Stuttgart. Dazu trage ich oft die traditionellen Kleidungen wie zum Beispiel Sarees, Punjabis.

 

Ich sprechen die Sprachen Deutsch und Tamil sehr flüssig und gut. Ich konnte am Anfang der Schulzeit nicht so gut Deutsch und Kindergarten gar kein Deutsch, aber im Laufe der Zeit wurde es immer besser. Es war nicht immer leicht, beispielsweise bei den Hausaufgaben habe ich nicht immer alles verstanden und habe immer Hilfe gebraucht. Der Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium war zwar einfach, da ich gute Noten hatte, aber meine damalige Lehrerin hat mir das nicht so zugetraut. Ich war wütend, da Mitschüler, welche schlechter als ich in der Schule waren auch ohne weiteren „Komplikationen“ auf das Gymnasium gehen durften.

 

Manchmal bekomme ich den Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch“ zu hören. Ich denke mir dann nur „wieso sollte ich nicht gut Deutsch sprechen?“, aber ich sehe das nicht so streng. Daher bedanke ich mich nur bei der Person und nehme es nicht so ernst.

 

Ich fühle mich als Deutsche und Tamilin zugleich, da ich hier in Deutschland lebe, aber auch meine Kultur und die tamilischen Traditionen bewahre. Ich könnte nicht ohne meine tamilische Kultur leben oder anders herum. Beide Kulturen gehören zu meinem Leben und ich möchte keine davon missen.

 

Als Person der zweiten Generation habe ich viel mehr Möglichkeiten als meine Eltern. Im Gegensatz  zu mir mussten sie eine neue Sprache lernen und sich auf ihre Familie konzentrieren. Ihnen verdanke ich, dass ich ein „normales“ Leben führen kann. In schweren Zeiten haben sie mich immer unterstützt ohne ihre Sorgen zu zeigen. Ich helfe meinen Eltern beim Formular ausfüllen oder begleite sie zu wichtigen Gesprächen, sie können die deutsche Sprache, aber trotzdem nicht so gut wie ich. Außerdem bietet Esslingen sehr viele Möglichkeiten sich wohlzufühlen, miteinander zu kommunizieren und zu kennenlernen. Aus diesem Grund bin ich auch ein Mitglied von buntES.

 

Ich werde die Kultur meiner Eltern auf jeden Fall an die nächste Generation weitergeben. Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch, egal welcher Herkunft, wissen sollte woher seine Eltern stammen bzw. von woher seine Wurzeln sind. Vor allem die Sprache zu beherrschen find ich wichtig, auch wenn sie nicht perfekt ist, weil man sonst mit seinen Verwandten nicht kommunizieren kann.

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ICH BIN IREM

 

Mein Name ist Irem. Ich bin 16 Jahre alt und wurde in Deutschland 1998 geboren. Jetzt sitze ich in der zehnten Klasse in einem Gymnasium in Esslingen. Ich bin dankbar, dass meine Lehrerinnen, Lehrer und Eltern mich unterstützten, ins Gymnasium zu gehen. Hier bin ich richtig angekommen. Ich bin gut in der Schule. Meine Lieblingsfächer sind u.a. Mathe, Physik und Chemie. Ich bin eine Wissbegier und lerne neue Sachen kennen. Ich spreche deutsch, türkisch, englisch, etwas französisch und etwas spanisch. Meine Hobbies sind Lesen und Sport, z.B. Fußball und Volleyball. Einmal der Woche in der Mittagsbetreuung gebe ich in meiner Schule eine Nachhilfe für die unteren Klassen. Das ist eine Bereicherung für mich, weil ich lerne, wie ich mit "jüngeren Kindern" umgehen kann. Mein Traum ist, dass ich eines Tages eine Auslandsreise machen kann, vielleicht nach Australien oder Afrika, oder aber auch innerhalb Europa.

 

Meine Großeltern und meine Eltern stammen aus der Türkei. Sie kamen in den 60en Jahren nach Deutschland, als mein Vater 16 Jahre alt war. Ich habe einen türkischen Pass, aber mit 18 Jahren habe ich vorgenommen, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Ich bin sowohl mit der türkischen als auch der deutschen Kultur verbunden; also mit den beiden Kulturen bin ich aufgewachsen. Die deutschen aber auch die swebischen Einflüsse wie Pünktlichkeit, Direktheit und Sparsamkeit sind in mir, aber auch "die türkische Lockerheit" ist bei mir ausgeprägt. Wenn man mich fragt, ob ich mich als Türkin oder als Deutsche fühle, antworte ich weder noch. Zu Hause übt die türkische Kultur auf mein Leben aus und meine Umgebung draußen beeinflusst mich mit den deutschen Gewohnheiten. In der Türkei merken Leute, dass sobald ich rede aber auch von meinem Verhalten her, keine Einheimische bin. Ebenfalls mit der Frage, wie deutsch ich sei, kann ich nicht sagen. Welches Deutsch? In Deutschland alleine gibt es auch viele unterschiedliche Gewohnheiten und Lebensform. Heutzutage gehört auch z.B. einiges Essen, das eigentlich nicht aus Deutschland stammt, zum "deutschen Geschmack"; wie Pizza. Ich finde, man kann nicht verallgemeinern, dass die Deutschen, Türken, Franzosen oder Italiener so oder genauso leben.

 

Die Gesellschaft pauschalisiert noch die türkisch stämmigen Menschen. Sobald Leute sehen, dass eine Frau türkisch aussieht, oder behaupten, sie wie eine Türkin aussieht, fragen manche Leute, warum sie keinen Kopftuch trägt. Meine beiden Geschwister und ich besuchen das Gymnasium. Ein "Wow-Effekt" bekomme ich von manchen, wenn ich das sage. Es kommt mir manchmal seltsam vor, dass die türkischen Frauen gleich Kopftuchträgerin sind, oder die türkisch-definierten Menschen gleich niedrig ausgebildet und aggressiv  sind. Aber ich kann das nicht übel nehmen, weil diese Leute nicht immer wissen oder sie nicht selber erleben. Ich habe vor, nach dem Gymnasium weiter zu studieren. Ich möchte Leuten zeigen, dass ich trotz meiner türkischen Wurzel nicht in die Hauptschule gehe und eine gute Leistung machen kann.

 

Ich interessiere mich für das Thema Integration und Migration. buntES fand ich vom Internet unter diesem Thema heraus. Deutschland ist ein multikulturelles Land geworden und meines Erachtens ein tolerantes Land. Welche Schule in Deutschland hat keine Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund? Ich bin ein multikultureller Mensch. Ich interessiere mich für andere Kulturen und Religionen, für ein Zusammenleben zwischen den Kulturen. Meine Freunde stammen von den unterschiedlichen Kulturen. Das finde ich sehr schön, weil ein solcher Freundeskreis mein Leben bereichert. Durch sie lerne ich viel und ist mein Horizont erweitert geworden. Das multikulturelles Leben ist ein Pluspunkt für mich.

 

Ich bin sehr gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Integration für mich bedeutet, seine Wurzel nicht verliert, aber die deutsche Sprache soll man beherrschen und die Kultur in Deutschland soll man auch wissen. Das bedeutet nicht, dass ich in Deutschland integriere, vergesse ich aber meine Wurzel. Die Türkei ist meine "Heimatswurzel". Er ist  ein Teil meiner Identität. Integration bedeutet auch, wenn man sich hierzulande zu Hause fühlt. Ich fühle mich hier in Deutschland mein Zuhause. In der Türkei und trotz des türkischen Passes fühle ich nicht so, weil ich dort nur während den Schulferien da bin. Hier bin ich geboren und habe meinen Freundeskreis. Nirgendwo fühle ich mich wie zu Hause, außer in Deutschland. Ich bin mit der Türkei durch meine Eltern gebunden. Meine Eltern bringen mir die türkische Kultur bei. Kurz gefasst: Türkisch ist meine Heimat, aber Deutschland ist mein Zuhause. Ich finde, eine Nationalität, ob deutsch, türkisch oder was auch immer, ist es mir nicht so wichtig. Wichtig ist es, wie ich miteinander lebe, wie ich die anderen Kulturen respektiere und akzeptiere.

 

Der Text basiert auf einem Interview mit Irem, geschrieben von Adi.

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 ICH BIN AMIR TRABELSI *

 

Im Sommer 1988 wurde ich in Stuttgart geboren, wo ich unter anderem auch meine Kindheit und Jugend im schönen Stuttgarter Stadtteil  Vaihingen verbrachte, wo bis heute noch unser Elternhaus steht. Als erstgeborener Sohn einer aus Frankreich stammenden Lehrerin und eines Tunesischen Architekten  wurde schon in meinem jungen Leben der Grundstein für meine Akademische Laufbahn gelegt. Meine Mutter lies keine Change aus, mich spielerisch und zielgerichtet auf die Schule vorzubereiten.

 

Ich wuchs drei sprachig auf. Mein Vater sprach mich ausschließlich auf tunesisch (arabisch) an, worauf meine Mutter gleichermaßen dieses Vorgehen mit der französischen Sprache fortsetzte. Da wir alle die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und uns somit auch als Deutsche verstanden, war es für uns selbstverständlich deutsch zu sprechen. Die deutsche Sprache war so zu sagen unser gemeinsamer Nenner. Natürlich kam später die englische Sprache dazu, wie es im deutschen Schulsystem halt üblich ist. Unseren Sommerurlaub verbrachten wir zumeist in Tunesien, sowie wir immer zur Weihnachtszeit nach Frankreich gefahren sind.  Das war fast schon Gesetz bei uns.

 

Später als meine zwei jüngeren Brüder geboren wurden, sprachen wir lustiger weise eine Mischung aus allen Sprachen, bis sich unser Niveau angeglichen hatte. Für uns drei Jungs hatte es nie einen Unterschied zwischen den Sprachen und den sich dahinter befindlichen Kulturen gegeben, für uns war es ja von Anfang an normal. Wir fühlten uns niemals nur zu einem Land allein hingezogen. Wenn wir in Tunesien waren, waren wir eben Tunesier und in Frankreich waren wir halt Franzosen. Daheim waren wir eben Deutsche. Wir fühlten uns zu allen Ländern verbunden, so mal wir alle drei Sprachen und die landesspezifischen Gepflogenheiten sehr gut beherrschten.

 

Leider ist es so, sobald verschiedene Nationen und Kulturen auf einander stoßen, dass es unmittelbar zu Missverständnissen kommen kann. Zum Beispiel ist es mir öfter mal passiert, dass ich aufgrund meiner nicht deutschen Abstammung oft pauschal als Ausländer abgestempelt werde. Das beste Beispiel hierfür lieferte eine Mitarbeiterin der Zulassungsstelle, indem Sie mich mit dem sogenannten „Ausländerdeutsch“ abfertigte. Daraufhin als ich Ihr mit dem Hinweis dass ich der deutschen Sprache mehr als mächtig bin entgegnete, war das Entsetzen Ihrer Seitz sehr groß.

 

Allerdings gab es auch ganz andere Momente, wo ich aufgrund meiner mehr sprachigen Herkunft in vielen Situationen einfach einen Vorteil gegenüber den anderen hatte. Wir hatten nie wirklich zwischen den Kulturen eine harte Grenze gezogen, da wir uns aufgrund unserer offenen Einstellung eher für die Hintergründe interessiert hatten. Ich persönlich bin von dieser offenen Lebenseinstellung sehr überzeugt, so mal sie mir sehr viele interkulturelle Freundschaften bescherte. Es ist immer wieder interessant neue Hintergründe über die Kultur der eigenen Freunde zu erfahren.

 

Die jüngeren haben aber auch schon die Tatsache verinnerlicht, das es mehr parallelen gibt als Unterschiede. Ich denke auch dass die neueren Generationen deutscher Bürger diese Denkweise auch schon für sich entdeckt haben, heute ist es ja normal interkulturell aufzuwachsen.

 

*  Name wurde geändert.

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ICH BIN JUDITH

 

Mein Name ist Judith P. Ich bin am 03. September 1993 in Esslingen geboren und hier aufgewachsen. Ich habe hier am Schelztor-Gymnasium mein Abitur gemacht und studiere nun Biologie in Innsbruck. Ich besitze die deutsche Staatsangehörigkeit seit 2009. Bis dahin hatte ich den grauen Pass wie mein Vater, welcher damals aufgrund des Bürgerkriegs in Sri Lanka nach Deutschland geflohen ist. Meine Eltern kommen aus Sri Lanka und haben tamilische Wurzeln. Mein Vater kam 1982 als Flüchtling nach Deutschland. Meine Mutter kam 1988 nach Deutschland, um meinen Vater zu heiraten.

 

Da meine Eltern damals noch kein gutes Deutsch gesprochen haben, haben sie mir zuerst nur die Sprache Tamil beigebracht. Sie wollten nicht, dass ich das falsche Deutsch von ihnen mir aneigne. Die deutsche Sprache habe ich dann im Kindergarten gelernt. Bis jetzt wird zu Hause mit den Eltern aber nur auf Tamilisch gesprochen, mit meiner Schwester rede ich jedoch ausschließlich auf Deutsch. Die Sprache beherrsche ich mittlerweile gut in Wort und Schrift. Dafür habe ich vier Jahre lang jeden Samstag die tamilische Schule besucht. Durch meinen ein-monatigen Aufenthalts in Sri Lanka letztes Jahr, kenne ich mich derweil ziemlich gut aus mit der Heimatkultur meiner Eltern. Ich habe Verständnis für deren Traditional und respektiere diese auch, allerdings folge ich dieser nicht. Wenn ich beispielweise ein Sari für eine tamilische Veranstaltung trage, empfinde ich das immer noch als ein Kostüm und nicht als traditionelle Tracht.

 

Zu meiner Jugendzeit hatte ich schon ab und zu Komplexe aufgrund meiner Hautfarbe. Alles was gegen mich geschah, dafür habe ich immer meiner Hautfarbe die Schuld gegeben. Dabei bin ich gar nicht so viel dunkler. Mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Klar gibt es ab und zu rassistische Anmerkungen, aber ganz offen gesprochen, wo gibt es das nicht? Man macht immer unterschiedliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Personen, die schlechten Momente bleiben allerdings besser im Gedächtnis, sodass man Abneigungen gegen gewisse Menschengruppen entwickelt. Das ist zwar traurig, aber leider wahr. Ein Beispiel wäre, dass ich einmal in einem Fernbus als Einzige von der Polizei kontrolliert wurde. Naja, solange sich solche Erfahrungen in Grenzen halten, sollte man meiner Meinung nach einfach lernen, damit umzugehen, und es nicht zu nahe an Herz kommen lassen.

 

Was mich oft stört sind Aussagen wie „Judith? Das ist aber ein deutscher Name.“ oder der Kommentar: „Der Name passt ja gar nicht zur Hautfarbe.“ Viele glauben mir nicht einmal, dass das mein richtiger Name ist. Klar, letzteres ist nicht ernst gemeint, jedoch werde ich dabei trotzdem den Gedanken nicht los, dass der Hintergedanke dieser Person meine Hautfarbe gewesen sei, und er/sie mich doch als Nicht-Deutsche/Deutsche betrachtet. Und für alle, die diesen Abschnitt gerade gelesen haben und sich denken, wieso ich Judith heiße, wir sind eine römisch-katholische Familie und Judith ist ein hebräischer Name aus der Bibel. Viele Menschen sagen mir auch, dass sie sehr erfreut sind zu sehen, wie integriert ich in dieser Gesellschaft bin. Das ist zwar sehr nett gemeint, aber ich sehe diese Aussage ein wenig kritisch.

 

Wie wäre es denn, wenn ich zu einer "weißen" Deutschen sagen würde „Sie sind hier aber sehr gut integriert.“? Ich habe zwar einen Migrationshintergrund, allerdings bin ich hier geboren und aufgewachsen, es wäre doch eher verwunderlich, wenn ich nicht integriert wäre, oder? Wir werden aber auch oft für unsere Hautfarbe beneidet, und dafür wir nicht so schnell einen Sonnenbrand bekommen. Ich habe meistens ein Problem mit der vollkommenen Zugehörigkeit zu einer Kultur. Ich kann mich nicht nur in eine Schublade stecken. Das finde ich einerseits gut und andererseits kompliziert. Durch das Groß werden in zwei verschiedenen Kulturkreisen bin ich viel weltoffener und toleranter gegenüber anderen Kulturen geworden. Wenn man jedoch jemandem erklären möchte in welcher Gesellschaft man sich wohler fühlt, entsteht so ein langer Artikel.

 

Deutschsein bedeutet für mich zu sagen, dass Deutschland mein Vaterland ist und dass Deutsch meine Muttersprache ist, ohne Zweifel oder Unwohlsein. Tamil ist für mich aber auch eine Art zweiter Muttersprache. Ich würde mich persönlich zu 80% als Deutsche und zu 20% als Tamilin einschätzen. Ich habe beispielweise nur zwei tamilische Freunde, dafür aber eine riesige Verwandtschaft und viele tamilische Bekannten durch meine Eltern. Dadurch wird man doch ziemlich geprägt. Auch wenn wir in anderen Ländern und Kontinenten aufwachsen, vereint uns die Sprache. Daher bin ich meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir die Sprache gelehrt haben. Wenn ich Kinder haben sollte, möchte ich auf jeden Fall, dass sie die Kultur meiner Eltern, also ihre Wurzeln, kennenlernen und die Sprache lernen. Es erweitert den Horizont, und durch das Aufwachsen in verschiedenen Kulturen sammelt man, meiner Meinung nach, nur noch mehr verschiedene Erfahrungen.

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Foto: Marigona

ICH BIN MARIGONA

 

Ich bin Marigona Loxhaj und bin 21 Jahre alt. Ich besitze einen deutschen Pass. Weil meine Eltern aus Kosovo stammen, spreche ich neben Deutsch auch Albanisch. Die albanische Sprache beherrsche ich genauso gut wie Deutsch, vielleicht nicht perfekt aber gut.

 

Meine Verbindung mit der Heimatkultur meiner Eltern ist sehr stark, weil ich von klein auf mit der albanischen Sprache und deren Bräuche, Kultur und Traditionen vertraut bin. Ich verbringe alle Sommerferien in Kosovo mit meiner Familie. Daher, wenn man mich fragt, ob ich Deutsche oder Albanerin sei, bin ich mir sicher, dass ich mich als Albanerin, aber zugleich als Deutsche fühle, weil ich in Deutschland geboren und mit der deutschen Kultur in Berührung bin. Darüber hinaus habe ich mich nie anders oder fremd gefühlt.

 

Vorurteile oder Fragen aufgrund meines Namens bzw. meiner Herkunft habe ich noch nie erfahren. Jedoch würde ich es als Lob sehen, wenn jemand zu mir sagt, dass ich eine wunderbare deutsche Sprachbegabung hätte. Nur in meiner Kindheit nervte es mich sehr, wenn man mir diese Sprüche „Du bist mehr deutsch als albanisch!“ sagte. Heutzutage stört es mich nicht mehr.

 

Meine Eltern haben mir die albanische Kultur beigebracht. Dafür danke ich ihnen sehr. Auf jeden Fall werde ich meinen Kindern diese Kultur weitergeben, weil es mir wichtig ist, dass meine Kinder erfahren, woher ihre Wurzeln kommen.

 

* Herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung von Birgitt Duell.

 

 

 

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