Ivonne Villacorta-Rohn

(Sprachlehrerin an der Peart Sprachenschule)

 

I. Villacorta-Rohn (Mitte, sitzend / Foto: IVR)

 

Ich habe mich schon als Kind sehr für fremde Kulturen und andere Sprachen interessiert. Deshalb war es für mich fast schon selbstverständlich, dass ich ein Studium in diese Richtung anstreben würde.

 

Mein Vater kommt aus El Salvador und meine Mutter aus Esslingen. Ich habe in Tübingen die Fächer Deutsch, Englisch und Spanisch auf Lehramt am Gymnasium studiert. Bei meiner jetzigen Sprachenschule, der Sprachenschule Peart, konnte ich bereits während meiner Ausbildung Erfahrungen im Unterrichten sammeln, speziell in Englisch- und Spanischkursen.

Nach meinem erfolgreich abgeschlossenen Referendariat im Jahr 1993 bin ich ein Jahr später mit meiner eigenen kleinen Familie für vier Jahre nach El Salvador gegangen, wo mein Mann und ich an einer privaten Schule Deutsch unterrichten durften. Diese Zeit war auch meine erste Erfahrung im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Da ich selbst im Land aufgewachsen war und auch Spanisch sprach, konnte ich relativ mühelos eine sehr gute Verbindung zu den Schülern herstellen. Der Schulalltag dort war von vielen unvorhergesehenen Ereignissen geprägt: mangelnde Rücksprache unter Kollegen, Missverständnisse was die Zuständigkeit angeht, und ähnliche Situationen. Spontaneität, Flexibilität, Gelassenheit und Improvisationstalent waren sehr gefragt. Davon würde ich später sehr profitieren.

 

Als wir 1999 wieder nach Esslingen zurückkamen und ich bei Peart wieder einsteigen konnte, war ich im Bereich der Ausbildung zu Fremdsprachenkorrespondenten mit Schwerpunkt Englisch tätig. Im Jahr 2009 bekam ich die Anfrage, ob ich mir die Arbeit in einem Alphabetisierungskurs vorstellen könnte. Nach anfänglichem Zögern habe ich zugesagt und arbeite seitdem fast ausschließlich in diesem Bereich.

 

Mein erster Kurs stellte mich vor die große Herausforderung, dass ich eine heterogene Gruppe vor mir hatte mit unterschiedlichem Bildungsniveau, unterschiedlicher Herkunft bzw. Muttersprache, unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und auch unterschiedlichen Erwartungen an den Kurs. Zudem war die Kommunikation zwischen Lehrer und Teilnehmern alles andere als einfach, weil wir zunächst keinen gemeinsamen Nenner finden konnten. Auch das Unterrichtsmaterial war alles andere als attraktiv oder ansprechend und nach dem ersten Tag kam ich völlig erschöpft nach Hause, voller Selbstzweifel und eher orientierungslos. Bald merkte ich jedoch, dass ich doch einiges mit den Teilnehmern gemeinsam hatte. Auch ich hatte ein vertrautes Land verlassen, um in einem anderen aufzuwachsen. Zwar hatte ich als Kind ganz andere Möglichkeiten als die Erwachsenen vor mir, aber ich konnte mich sehr gut an meine eigenen Schwierigkeiten erinnern, als ich mich mit der eigenen Verwandtschaft nicht unterhalten konnte, weil ich die Sprache nicht verstand. Somit war und ist mein Migrationshintergrund eine wichtige Hilfe, um eine Brücke zu bauen. Obwohl meine Mutter eine Deutsche ist, kann ich Vieles hier aus der Perspektive der Zuwanderer nachempfinden und ihnen so auch näher bringen. Mein südländisches Temperament erlaubt  es mir, mit vielen Gesten und übertriebener Mimik bzw auch mit entsprechender Lautmalerei bestimmte Elemente der Sprache mit Leben zu füllen. Kommunikation bedeutet viel mehr als nur die reine Sprache einzusetzen! Und es ist immer wieder schön zu beobachten, wie bei den einzelnen Teilnehmern der Aha-Effekt eintritt, wenn sie tatsächlich etwas verstehen konnten.

 

Die Vielfalt in der Gruppenzusammensetzung bedeutet für mich in erster Linie eine tolle Möglichkeit, andere Kulturen und Länder durch diese Vertreter kennenzulernen. Es ist wie eine kleine Weltreise im Klassenzimmer. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Teilnehmer sich sehr freuen, wenn ich mir Mühe gebe, um bestimmte Ausdrücke oder Wörter in ihrer Sprache zu lernen und diese nach Bedarf in Situationen zu wiederholen, wo sie als sprachliche Entlastung helfen können. Gleichzeitig kann diese Konstellation auch für Spannungen sorgen, wenn Vorurteile über bestimmte Volksgruppen mitschwingen und unangebrachtes Verhalten oder gar Streit zur Folge haben. Darum bemühe ich mich, von Anfang an eine Lernatmosphäre herzustellen, in der sich alle Teilnehmer angenommen und wahrgenommen fühlen; in der jeder einen gleichberechtigten Platz bekommt und erfährt, dass Respekt und Vertrauen wichtige Voraussetzungen sind, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Die Teilnehmer müssen lernen, dass sie nicht gegeneinander, sondern miteinander unterwegs sind. Erst dann werden sie auch bereit sein, vor den anderen Fehlern zu machen, ohne sich deshalb schämen zu müssen und auch einander in allem beizustehen, um das Lernen zu erleichtern. Es ist immer wieder schön zu erfahren, dass manche Teilnehmer auch über den Kurs hinaus in Kontakt bleiben und sich gern treffen.

 

Ich habe viele schöne Erfahrungen in diesen Jahren machen dürfen. Ein Kurs hat mich an meinem Geburtstag mit einem selbst organisierten Fest mit Geburtstagsständchen auf Deutsch überrascht. Überhaupt ist die Gastfreundschaft sehr ausgeprägt in diesen Kursen. Ganz aktuell in einem Kurs nur mit Frauen, die besondere Schicksalsschläge erleiden mussten, hat mir eine Frau, gleich am zweiten Tag nach dem Stichwort „Pause“, mit einer heißen Schokolade eine Freude gemacht. Hier war für mich besonders berührend als eine Frau mich in den Arm genommen und mir lächelnd zugesprochen hat: „Du gut!“ Und das sind genau die Momente, die mir bestätigen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich wollte als Sprachlehrerin immer in erster Linie den einzelnen Menschen erreichen, den Einzelnen wertschätzen und ihn ermutigen, an sich zu glauben.

 

Das ist aber in der jetzigen Organisation der Sprachkurse oft kaum möglich. Ich habe den Eindruck, dass die Quantität der Inhalte vor der Qualität steht. Dabei bleibt kaum Zeit für persönliche Fragen oder eine intensivere Auseinandersetzung mit bestimmten Inhalten, weil der Zeitplan drängt. Ich würde mir manchmal wünschen, dass ein Kurs eher das Ziel hat, den Teilnehmern die Sprache so nahe wie möglich zu bringen und begreifbar zu machen, statt sie auf eine Prüfung hinzudrängen. Selbstverständlich verstehe ich, dass sehr gute Sprachkenntnisse die entscheidende Voraussetzung für qualifizierte Arbeitsstellen sind und deshalb eine Überprüfung notwendig ist. Aber nach meinen Erfahrungen gibt es Teilnehmer, die eine sehr gute Prüfung abgelegt haben und trotzdem noch eher mangelhaft sprechen, während andere keine hohe Punktzahl erreicht haben, aber sich sehr gut verständigen und ihren Alltag bewältigen können. Ist das nicht das eigentliche Ziel der Integration? Dass Menschen mit einem fremden kulturellen Hintergrund sich ganz im deutschen Alltag einbringen und mit ihren persönlichen Erfahrungen auch bereichern? Wenn ich mit meiner Arbeit dafür eine Brückenfunktion erfüllen kann, dann hat sich jeder Einsatz gelohnt.

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