Nina Labude

(Lehrerin an der GMS der Katharinenschule)

 

Foto: NL

Ich bin seit dem Jahr 2010 Deutschlehrerin. Mittlerweile also schon im siebten Jahr. Seit 2011 arbeite ich an der Katharinenschule in Esslingen.

 

Es gibt mehrere Gründe, warum ich Deutschlehrerin bin. Zum einen (und das ist ein sehr schwerwiegender Grund) hatte ich selber Lehrer, deren Unterlagen bereits vergilbt waren und die mir jeden Tag sagen konnten, wie viele Tage es noch bis zu den nächsten Ferien waren. Ich wollte es besser und engagierter machen als diese Lehrer. Zum anderen war meine Mutter früher Lehrerin und ist mittlerweile über Sprachkurse für Kinder mit internationaler Herkunft nun zur Legasthenie-Therapeutin geworden. Ich denke, dass auch das mich geprägt hat. Und es hat mir früher schon Spaß gemacht, meinem kleinen Bruder etwas beizubringen. Ich brauchte definitiv einen Beruf, in dem man Menschen etwas beibringen und bei dem man Erfolge sehen kann. Zudem wollte ich unbedingt mit Kindern arbeiten.

Ich habe als Deutschlehrerin sicherlich den Vorteil, Hochdeutsch zu sprechen. Ich habe keinen typischen Dialekt, weil wir zu Hause immer hochdeutsch gesprochen haben. Das erleichtert es Kindern sicherlich, die geschriebene und die gesprochene deutsche Sprache miteinander in Verbindung zu bringen und einfach(er) zu lernen als bei jemandem mit starkem Dialekt.

 

Meine Herausforderungen als Deutschlehrerin liegen sicherlich in der Unterschiedlichkeit aller Kinder und deren Sprachen. Wenn man die Hintergründe der verschiedenen Sprachen kennt, versteht man schneller, warum die Kinder Probleme mit den Artikeln haben, warum sie Probleme mit den Präpositionen oder der Groß-/Kleinschreibung haben. Da ich das schon als Kind und Muttersprachler gelernt hatte, musste ich erst verstehen lernen, wie schwer die deutsche Sprache wirklich ist, weil es immer wieder Ausnahmen von bestimmten Regeln gibt und welche Besonderheiten die Kinder mit ihren jeweiligen Sprachen mitbringen.

 

Meine Erfahrungen als Lehrerin für Deutsch sind vielfältig. Viele Momente könnte ich beschreiben. Ein Ereignis bleibt mir jedoch noch in Erinnerung: Wir hatten ein Kind aus einem englischsprachigen Land, das sich lange weigerte, Deutsch zu sprechen. Um Arbeitsanweisungen zu verstehen, habe ich ihm Vieles auf Englisch übersetzt. Eines Tages übersetzte ich ihm die Arbeitsanweisung wieder und er antwortete mir "Ich habs verstanden. Aber danke." Er antwortete mir auf deutsch und ich war völlig perplex. Unglaublich, wie viel die VKL-Lehrer leisten und wie gut die Kinder innerhalb kürzester Zeit deutsch sprechen und sich so verständigen können!

 

Eine Mutter eines Schülers kam mal zu einem Elterngespräch zu mir. Ich wusste, dass sie zwar nicht gut deutsch konnte, dass es aber ausreichte, um ein Gespräch zu führen und dass sie mich verstehen würde. Deshalb engagierte ich keinen Dolmetscher (Was sonst zum Glück dank unseres Dolmetscher-Pools der Schule gar kein Problem ist!). Sie kam dann mit einer Frau zum Elterngespräch und meinte "Ich habe meine Freundin mitgebracht. Falls ich irgendwas überhaupt nicht verstehe, kann sie mir das übersetzen. Es ist mir wichtig, dass ich alles verstehe. Für meinen Sohn." Das fand ich toll!

 

Ein Beispiel aus einem Deutschkurs, den meine Mutter mal gab: Eine Frau dankte ihr am Ende des Kurses mit den Worten "Jetzt kann ich endlich selber beim Kinderarzt anrufen und muss nicht warten, bis mein Mann nach Hause kommt"- das war natürlich die beste Rückmeldung, die man bekommen kann. Aber leider gibt es dazu auch eine Aussage, die einen dann doch nachdenklich stimmt: Ein Mann kam vorbei und wollte seine Frau vom Deutschkurs wieder abmelden. Als meine Mutter nachfragte, warum er dies tue, antwortete er: "Zum Einkaufen und Kinder erziehen muss meine Frau kein Deutsch können." Dazu gibt es wohl nicht mehr viel hinzuzufügen.

 

Ich lerne jeden Tag von den Kindern mit unterschiedlicher Herkunft. Es interessiert mich, wie die Kinder sich zu Hause unterhalten, welche Bräuche es gibt, wie Weihnachten gefeiert wird, welche Bücher vorgelesen oder selbst gelesen werden, etc. Das ist für mich einfach sehr interessant und auch immer wieder überraschend: "Wir sprechen zu Hause Türkisch, aber ich lese deutsche Bücher." Oder "Wir sprechen zu Hause nur noch Deutsch. Mama kann das nicht gut, die spricht uns immer auf Griechisch an, aber wir antworten auf deutsch. Die muss das jetzt auch mal lernen."

 

Ich möchte gerne, dass wir viel mehr Zeit haben, die Kinder richtig zu fördern und nicht immer auf die Noten und Klassenarbeiten schauen müssen. Ich möchte, dass die Kinder Spaß an der deutschen Sprache haben und sich trauen, sie auch mit Fehlern zu sprechen. Ich habe bis letztes Jahr 13 Stunden in Doppelbesetzung gehabt, weil eine Sonderschulpädagogin mit in der Klasse war. Das hat den Kindern sehr geholfen und alle haben davon profitiert, auch die starken Lerner. Das wäre eine Vision von mir, dass wir viel mehr Teamteaching machen und so den Kindern viel gezielter und effektiver helfen können. Diese Doppelbesetzung ist nur von Vorteil und alle Kinder haben uns als Klassenlehrerteam angesehen. Allerdings gehört da auch die Vision dazu, dass alle Lehrer dafür offen sind, ist leider auch nicht immer der Fall.

 

Was genau die Inter- bzw. multikulturelle Kompetenz beinhaltet, ist meiner Meinung nach nicht genau festzulegen. Aber dennoch ist es wichtig, als Deutschlehrer offen auf verschiedene Sprachen und Herkünfte reagieren zu können. Ich muss die Kinder im Blick haben, die wir unterrichten und nicht die Fächer. Wir lernen im Studium viel über die Inhalte unserer Fächer, über die Didaktik. Das ist wichtig, aber nicht auf alle Klassen und Kinder anwendbar. Ich muss flexibel sein und auf verschiedene Kinder auch unterschiedlich reagieren können, um ihnen gerecht zu werden. Was aber definitiv nicht heißen soll, dass man den Bildungsplan einfach außer Acht lassen kann!

 

Was bedeutet für mich als Deutschlehrer den Begriff "Integration" und "Inklusion"? Dazu habe ich eine Gegenfrage: Ist es für mich als Deutschlehrer etwas anderes, als für andere Leute auch? Ich finde es wichtig, dass die Menschen sich integrieren. Es ist für mich auch enorm wichtig, dass sie die Sprache des Landes, in das sie ziehen, verstehen und sprechen können. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle anderen Länder auch. Keiner soll seine Wurzeln verleugnen oder gar vergessen, sich aber dennoch an das jeweilige Land und seine Sitten anpassen.

 

Menschen mit internationaler Herkunft sollten hier inkludiert werden, aber diese Diskussion wird mit der Flüchtlingsproblematik glaube ich noch weitreichender und anstrengender werden.... Sind gewalttätige Flüchtlinge wie die in Köln haltbar? Kann ich deshalb nun alle über einen Kamm scheren? Tue ich nicht 1000en von Menschen unrecht, wenn ich in ihnen nun das Böse sehe, obwohl sie vor genau dem Bösen geflohen sind?

 

Ist die deutsche Sprache eher eine Herausforderung für Kinder mit internationaler Herkunft und  sprechen Kinder ohne internationale Herkunft deshalb besser Deutsch? Sicherlich gibt es große Unterschiede zwischen Kinder mit und ohne internationale Herkunft. Kinder lernen ja permanent durch ihre Umgebung, durch Menschen, mit denen sie sprechen, durch Musik, die sie hören, durch Filme, die sie sehen, etc. 

Vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Milieus haben dann Lücken. Sie beherrschen zwar die deutsche Sprache, aber meist fehlt es dann ganz massiv an Kenntnissen in der Rechtschreibung oder in speziellen Ausdrücken (was ist ein "Steg"? was heißt "verweilen"? was heißt "er hatte Lunte gerochen"?). 

 

Auch die Erziehung spielt dabei eine große Rolle: Beschäftige ich mich mit meinem Kind? Gehe ich mit ihm zu Ausstellungen, in die Bücherei, zu Vorlesungen, etc., lese ich ihm vor, unterhalte mich ernsthaft mit ihm, berücksichtige ich seine Interessen, etc. oder ist es Erziehung genug, wenn ich mein Kind vor den Fernseher setze und ihm eine Kindersendung vorspiele, weil es dabei ja auch etwas lernen kann? Die Kinder, mit denen sich die Eltern viel und abwechslungsreich beschäftigt haben, haben einen deutlich ausgeprägteren Wortschatz. Darüber hinaus spielen die sozialen Milieus eine Rolle und meine Beispiele oben sind natürlich stark vereinfacht und nicht auf eine bestimmte Gruppe zuzuschreiben, aber spielen definitiv eine Rolle beim Erlernen der deutschen Sprache.

 

Kinder mit deutscher Sprache haben ganz erstaunliche Erfolge beim Verständigen mit Kindern internationaler Herkunft. Als in meine Klasse vergangenes Jahr ein ausländisches Mädchen mit wenig Deutschkenntnissen kam, nahmen die Mädchen sie gleich unter ihre Fittiche. Wir hatten vorher darüber gesprochen, wie man den neuen Kindern (egal ob deutsch oder nicht) helfen kann: Die Toiletten, den Pausenhof, die verschiedenen Zimmer zeigen,... Die Kinder verständigten sich mit der neuen Schülerin außerordentlich schnell und gut über Mimik und Gestik, viel auch durch Zuhilfenahme von Objekten (ein Mäppchen, ein Heft, ein Bild,...). Unter Kindern ist das Verstehen oftmals einfacher und schneller in Gang gekommen, als wenn ich als Erwachsener versuchte, mit diesem Mädchen zu kommunizieren, denn ich beherrschte ihre Sprache auch nicht.

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