Ahmad erzählt seine Geschichte:

Ich bin Ahmad aus Syrien und wohne zurzeit in Esslingen. Ich bin Anfang 20 und habe mein Bachelor im Bereich Touristik in Syrien bereits abgeschlossen.

 

Im Jahr 2011 fing der Bürgerkrieg in Syrien an. 2014 verließ ich meine Eltern und meine Geschwister. Durch Algerien, Tunesien und Libyen machte ich meine Reise nach Europa. Dafür bezahlte ich viel Geld für drei unterschiedliche Schlepper von Algerien nach Italien. Geld, das mir meine Eltern von ihren Ersparnissen gegeben hatten. Unterwegs sah ich viele schlimme Sachen um mich herum: bombardierte Gebäude, Leichen, fliehende Menschen, verzweifelte Leute. Viele waren verzweifelt, weil ihre Ersparnisse für dem Schlepper gestohlen wurden, sodass sie nicht weiter fliehen konnten.

 

Die schlimmste Reise war mit einem Schlauchboot von Libyen nach Italien. 400 Passagiere waren da; Kinder, Frauen, aber die meisten waren Männer. Das Boot transportierte nur Menschen. Niemand durfte großes Gepäck mitnehmen. Ich hatte nur meine Gürteltasche bei mir. Wir saßen dicht gequetscht neben einander. Jeder bekam eine Flasche zum Trinken, die nach zwei Stunden leer getrunken war. Die Reise dauerte aber 15 Stunden. Es gab keine andere Wahl, so dass einige von uns Meerwasser tranken. Das Boot hatte kein Dach, daher war die Hitze bei starkem strahlendem Sonnenschein unerträglich.

 

Nach meiner Ankunft in Italien wollte ich weiter nach Deutschland fahren. Im Zug von Italien nach Frankreich wurde ich erwischt, weil ich kein Visum hatte. Nach drei Tagen im französischen Gefängnis wurde ich zusammen mit einem anderen Insassen wieder nach Italien zurückgebracht. Als wir an der Grenze von Italien ankamen, rief dieser Insasse einen von seinen Verwandten in Frankreich an, und bat ihn mit seinem Auto abzuholen und nach Frankreich zurückzufahren sollte. Ich hatte Glück, dass ich ohne zu bezahlen, mit ihm fahren dürfte. Von Paris kaufte ich mir ein Ticket für die Fahrt nach Karlsruhe. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim kam ich in Esslingen an.

 

Eine böse Überraschung wartete auf mich: Meine Unterkunft war eine Kabine aus Sperrholz in einer Sporthalle. Eine 15m² große Kabine musste ich mit zwei anderen teilen. Eine Kabine war mein zu Hause für fast ein Jahr. Laute Musik und Gespräche von nebenan oder Rauch von den anderen Kabinen begleitete mich jeden Tag dort. Privatsphäre war nicht zu erwarten. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen. Es gab kein WLAN und Fernsehen. Nur durch diese Medien halten wir Verbindung mit unseren Familien in Syrien, die Lage dort und die weltpolitische Lage. Von der Unterbringung her war das Leben dort inhuman.

 

Jedoch erlebte ich schöne Kontakte mit den Bewohnern in der Sporthalle. Wir waren wie eine Familie und oft verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Alle haben dasselbe Ziel: Wir wollen in einem Land leben, in dem es Frieden und Ruhe gibt. Als der Moment kam, wo ein Syrer nach dem anderen versetzt wurde, weil sie ein Bleiberecht erhielten, fiel der Abschied schwer. Das war eine komische Situation für uns alle. Einerseits lehnten wir die Sporthalle auf Grund des schlechten Baus ab, andererseits wollten wir nicht so gerne wegen unserer Freundschaften die Halle verlassen.

 

Seit einigen Wochen wohne ich in einer Wohngemeinschaft. Am Anfang vermisste ich die Unterkunft in der Sporthalle. Bis heute bleibe ich noch im Kontakt mit vielen Leuten der Sporthalle.

 

Jetzt bin ich hier, in Deutschland. Als ich noch in Syrien war, hatte ich keine Ahnung über Deutschland. Ich mochte Deutschland wegen Fußball, aber dort zu leben? Nie habe ich davon geträumt. Meine Vorstellung damals war die Deutschen seien rassistisch und sehr stolz auf ihre Sprache, seien arbeitssüchtig, also Arbeit sei für sie alles. In Esslingen kam ich an. Meine Vorstellung von damals veränderte sich völlig, Hier sind die Leute freundlich. Leute, die ich kenne, sind sehr tolerant, anders als ich erwartet habe. Hier lebt man frei. In Syrien würdest Du komisch angeschaut, wenn Du als Mann z.B. lange Haare hast oder eine kurze Hose trägst. Die Deutschen arbeiten strukturiert und effektiv. Das ist besser als in Syrien. Trotz guter Ausbildung in Syrien ist sie hier, meiner Ansicht nach, besser. Einige Sachen fehlen mir in Deutschland: Die Menschen leben mehr für sich, die Anzahl der alten Menschen ist hoch und die Deutschen haben wenig Kinder. Die Familienbindung ist hier nicht stark wie in Syrien. Familie ist bei uns wichtig; nicht nur die Kernfamilie, sondern auch die Großfamilie.

 

Ich wünsche mir, hier ich in Deutschland, dass ich die Möglichkeit habe, viele Dinge zu erkunden. Deutschland ist reich an Museen und historischen Städten, Sehenswürdigkeiten und Denkmäler, über die ich gerne mehr erfahren möchte.

 

Jetzt lerne ich Deutsch. Das ist eine Voraussetzung, um weiter zu studieren. Ich hoffe, dass ich schon im Herbst nächsten Jahres mein Studium anfangen kann.

 

Anmerkung von der Interviewerin:

Ahmad ist ein fröhlicher gutaussehender junger Mann mit langen Haaren. Als er bei einer bedrückenden Szene beim Erzählen lächelte, fragte die Interviewerin vorsichtig, ob ihn dies traumatisiert hätte. Er antwortete, dass der Moment des Geschehens schrecklich gewesen sei. Aber heute kommt es ihm wie in einem Film vor. Trotzdem zeigten seine Augen eine tiefe Traurigkeit und Sorge, als er sich fragte, ob er seine Eltern und Geschwister, die noch in Syrien leben, wiedersehen werde.

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