Ali erzählt seine Geschichte:

Ich bin Ali aus Eritrea. Ich bin in einem Ort ca. 300 km von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, geboren und aufgewachsen. Seit über einem Jahr wohne ich im Landkreis Esslingen. Dank des ehrenamtlichen Engagements von deutschen Freunden kann ich zurzeit ein Praktikum in einem Pflegeheim machen. So kann ich auch meine Arbeit, die ich in Eritrea hatte, wieder ausüben.

 

Vom Beruf bin ich Krankenpfleger, spezialisiert als Hebamme. Ja, genau! Eine Hebamme! Anders als in Deutschland ist bei uns in Eritrea "Hebamme" ein Beruf sowohl für Frauen als auch für Männer. Ich kann nicht sagen, dass Männer bei uns in dieser Branche die Minderheit sind. Als ich hier von meinem Beruf erzählte, staunten viele Leute. Anders herum war es für mich ungewöhnlich, dass der Beruf Hebamme für Männer hierzulande äußert selten ist. In Eritrea ist es kein Problem, dass muslimische Frauen, auch mit Kopftuch, von einer männlichen Hebamme behandelt werden. Es liegt vielleicht daran, dass die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in Eritrea selbstverständlich ist.

 

In Eritrea arbeitete ich in einem Krankenhaus. Meine Aufgaben waren nicht nur die Tätigkeit als Hebamme, sondern auch die als Krankenpfleger. Im ganzen Krankenhaus gab es nur zwei Hebammen, meine Kollegin und ich. Wir arbeiteten jeden Tag 12 Stunden, von acht Uhr morgens bis um zwanzig Uhr. Außerdem wurde ich gezwungen morgens von vier bis acht Uhr in der Armee zu arbeiten. Weil ich mich dagegen wehrte, wurde ich ins Gefängnis gebracht. Dort wurde man schlecht behandelt. Nach meiner Freilassung arbeitete ich wieder im Krankenhaus. Ich musste aber Einsatz bereit sein, wenn die Armee mich brauchte. In dieser Zeit wurde mein Leben von der Regierung ständig kontrolliert. Ich konnte mein eigenes Leben nicht mehr selber bestimmen. Durch militärische Gewalt starb einer meiner Brüdern. Meine Familie lebt bis heute in Angst.

 

Nach zwei Jahren, immer im täglichen 12 Stunden Einsatz im Krankenhaus, kam ich an meine Grenzen. Darüber hinaus wollte ich meine Familie nicht ständig in Gefahr bringen. Ich flüchtete in den Sudan und fand dort in einem Hospital Arbeit als Krankenpfleger. Die Arbeit als Entbindungspfleger bzw. Hebamme war dort nicht möglich. Weil es für mich als Eritreer keine Zukunft gab, verließ ich das Land, um nach Italien zu kommen. Von Sudan nach Italien gibt es nur einen einzigen Weg: Man muss durch Libyen fahren. Das Leben dort war durch den Bürgerkrieg sehr gefährlich. Während meines Aufenthalts in Libyen traf ich mehrere Schleuser, die mir versprachen, mich nach Italien zu bringen. Für die gesamten Schleuser gab ich insgesamt fast 4.000 US$ aus. Als ich das Geld gezahlt hatte, musste ich noch mehrere Tage warten bis sich die Schleuser entschieden, dass es genügend Leute für das Boot gab. Die Tatsache am Ende war: Das Boot war total überfüllt. Kein Passagier bekam eine Rettungsweste, obwohl jeder 150 US$ für eine Rettungsweste bezahlen musste. Einer der Schleuser sagte uns: „Entweder fahren wir los oder wir blieben“, als wir danach fragten.

 

Die Fahrt mit dem Schlauchboot nach Italien war ein Abendteuer. Sie begann um Mitternacht. Es war dunkel. Man sah nichts. Ich wusste nur, dass wir sehr eng nebeneinander saßen und im Boot Wasser war. Meine Hose war die ganze Zeit nass. Wir Passagiere erfuhren erst bei Sonnenaufgang, dass der "Kapitän" der das Boot hauptsächlich steuerte, erst 20 Jahre alt war.  Bei hohen Wellen geriet er in Panik und war orientierungslos. Er war kein richtiger Kapitän, sondern irgendjemand, der einfach vom Schleuser als "Kapitän" benannt wurde. Zwei Tage wankte das Boot mit fast 100 jungen Männern orientierungslos im Mittelmeer. Am dritten Tag wurden wir von der italienischen Küstenwache gerettet. Nach einigen Tagen in Italien fuhr ich nach Karlsruhe.

 

Hier, in meiner Umgebung, sind die Menschen nett und hilfsbereit. Einmal sollte ich mich in einer Schule vorstellen. Die Schüler stellten interessante aber auch für mich lustige Fragen, z.B. wie ich mit meiner Familie in Eritrea kommunizierte oder ob es dort Fernsehen und Autos gäbe.

 

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich Krankenpfleger bin. Ich liebe meinen Beruf. Man braucht für diese Arbeit meiner Ansicht nach viel Geduld. Egal ob es Kranke oder pflegebedürftige Menschen sind, sehe ich sie als Individuen, die meine Hilfe brauchen. Man muss mit seinem Herzen die Arbeit machen, sonst hat man keinen Spaß, denn die Arbeit ist eine Knochenarbeit. In Eritrea hatte ich schon als Krankenpfleger Erfahrungen gemacht. In Deutschland mache ich in meinem Praktikum die gleiche Arbeit, jedoch ist das System völlig anders. Hier lerne ich auch wie man mit Strukturen, Vorschriften und Verordnungen umgeht. Das gefällt mir!

 

Mit Anfang dreißig, so alt bin ich inzwischen, ist es für mich nie zu spät mit einem Studium anzufangen. Nach dem Abschluss meines Deutschkurses habe ich mir vorgenommen, dass ich ein Studium im Fachbereich Gesundheit und Pflege machen möchte. [Adi]

 

Anmerkung von der Interviewerin:

Wenn Ali lacht, lacht die Welt mit. Er ist ein lebendiger junger Mann. An der Art wie er erzählt, merkt man, dass er sein Praktikum als Pfleger mit Leib und Seele ausübt. Ali freut sich, wenn er mit seinen Patienten sein Deutsch üben kann. „Mit einigen von ihnen lerne ich nicht nur Deutsch, sondern auch Schwäbisch“, grinste er. Er empfindet es als Vorteil, dass manche schwäbische Patienten im hohen Alter lieber schwäbisch reden, egal mit wem.

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