Bubba erzählt seine Geschichte:

Nenne mich einfach Bubba aus Gambia. Ich bin ca. Mittezwanzig Jahre alt und lebe schon gut ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Esslingen. Vor Deutschland lebte ich mit noch nicht mal zwanzig Jahren bereits in unterschiedlichen afrikanischen Ländern. Drei Jahre lebte und arbeitete ich in Libyen. Ich habe in Gambia meine Mutter und jüngeren Geschwister, die meine Unterstützung brauchen. Mit dem Geld, das ich dort verdiente, konnte ich meiner Familie etwas helfen. Das war gut. Im Jahr 2014 fing jedoch ein Bürgerkrieg in Libyen an. Ich musste fliehen, weil die Lage zu gefährlich war. Zurück nach Gambia konnte ich nicht, weil ich dort wegen meines politischen Engagements unerwünscht war. Darüber hinaus gibt es bis heute für junge Leute wie uns keine Zukunft. Ein Land mit einer korrupten Diktatur an der Macht, ohne Demokratie und ohne Meinungsfreiheit bietet mir kein vernünftiges Leben.

 

Eines Tages gab es in Tripolis, der Hauptstadt Libyens ein Boot. Ich wusste nicht, wohin das Boot fuhr. Die politische Situation war zu dem Zeitpunkt sehr eskaliert, Chaos und Panik überall. Alle Menschen dort hatten das gleiche Ziel: schnell raus aus Tripolis. Nach einem schwierigen Weg schaffte ich es ins Boot zu steigen. Was dort passierte, will ich hier nicht erzählen. Von dem Erlebnis und auch der Situation in Libyen bin ich noch traumatisiert. Nach drei Tagen Meer landeten wir in Lampedusa, Italien. Ein Jahr lang war ich in Italien ohne Papiere. Oft schlief ich auf der Straße. Im Winter litt ich besonders. Ich musste dort kämpfen, um zu überleben. Ich konnte nicht mehr. Ich musste raus aus diesem Land. In Deutschland kam ich an und seit Herbst 2014 bin ich im Landkreis Esslingen.

 

Es war anders als in Italien, hier lernte ich viele nette Leute kennen. Es gibt mehrere ehrenamtliche Organisationen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Einmal engagierte ich mich freiwillig in einem Heim für Behinderte. Sie waren nett zu mir. Das machte mich glücklich. Leider erlebe ich häufiger Vorurteile auf der Straße wegen meiner dunklen Hautfarbe. Ich möchte immer höflich sein. Wenn ich Leute auf der Straße grüße, denken einige, dass ich betteln will oder sie behandeln mich, als ob ich ein Verbrecher wäre. Ich denke mal, man hat Vorurteile, weil man jemanden nicht kennt und nur vom fremden Aussehen  her urteilt.

 

Wie ist das Leben in einer Flüchtlingsunterkunft? Ich kann nur sagen, es gibt gute und schlechte Mitbewohner. Wenn ich über sie positiv denke, verhalte ich mich auch positiv gegenüber ihnen. Wenn ich aber einen negativen Gedanken über jemanden habe, wirkt mein Verhalten auch negativ. Ich akzeptiere einfach die Situation und das Zusammenleben in dieser Unterkunft.

 

Was mir Sorge macht, ist die momentane Situation mit Duldungsstatus. Ständig habe ich Angst, dass jederzeit um Mitternacht, wenn alle noch schlafen, jemand an meine Tür klopft und mir befiehlt, dass ich meine Sachen packe und ich sofort nach Frankfurt gefahren werde. Das passierte mit anderen Bewohnern in der Unterkunft. Die Behörde kam immer kurz nach Mitternacht. Warum tun sie das? Warum kommen sie nicht am Tag? Das Trauma meiner Flucht ist noch nicht mal weg, schon kommt jetzt ein neuer Albtraum, dass ich nach Italien zurückgeschickt werde.

 

Ich denke immer an meine Mutter und meine Geschwister. Ich möchte ihnen gerne helfen, aber meine Situation hier ist auch ungewiss. Was ist schlimm daran, wenn man ein normales Leben ohne Angst führen will und sich eine bessere Zukunft in Freiheit wünscht?

 

Ich wünsche mir sehr, dass ich möglichst bald arbeiten darf, auch wenn es ein 1-Euro-Job ist. Wie bei den anderen Flüchtlingen, die noch kein Bleiberecht haben, freue ich mich auf eine Beschäftigung statt nur rumzusitzen. Ich möchte Leuten zeigen, dass ich auch nützlich bin und Potentiale habe. Vielleicht kann ich meine Fähigkeiten verwenden, u.a. meine Fremdsprachkenntnisse. Ich spreche Englisch, Arabisch und Italienisch fließend. Ich hoffe, dass ich auch bald besser Deutsch sprechen kann.

 

Anmerkung von der Interviewerin:

Einen Termin für ein Interview mit Bubba zu vereinbaren ging schnell. Er sagte sofort zu. Das Interview verlief aber langsam, weil er viel nachdachte. Er äußerte, dass er einerseits froh war, jemandem seine Geschichte erzählen zu können. Andererseits tat er weh, wenn er von seiner Flucht und seinem heutigen Leben redete. Während des Interviews war seine Stimme immer leise, im Gegensatz zu seinem großgebauten Körper. Er schüttelte oft seinen Kopf, als ob er von seinem Albtraum fliehen wollte.

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