Bute erzählt ihre Geschichte:

Ich heiße Bute und komme aus Peja, der zweitgrößten Stadt nach Priština in Kosovo. Bevor Serbien an die Macht kam, hatten wir, meine Eltern, meine drei Geschwister und ich dort ein gutes Leben geführt.

 

Als Kosovo-Albanerinnen und -Albaner erlebten wir dann aber Diskriminierung in allen Bereichen. In dieser auch wirtschaftlichen schwierigen Situation hatte ich mich bereits für ein Mathematikstudium an einer Hochschule in Priština, ca. eine zweistündige Autofahrt von Peja entfernt, registrieren lassen. Leider fehlte mir dann das Geld, u.a. für die Lebenskosten dort. Stattdessen nahm ich ein Fernstudium im Fachbereich Jura auf, ebenfalls in Priština.  So konnte ich von Zuhause aus studieren und musste nicht nach Priština umziehen. Um meine Familie finanziell zu unterstützen, nähte ich Sachen zum Verkaufen.

Im sozialen Leben wurden wir ebenfalls von Einheiten der serbischen Armee unterdrückt. Es gab eine Sperrstunde zwischen 19:00 und 07:00 Uhr, während dieser Zeit durften wir das Haus nicht verlassen. Hätte man gegen die Sperrstundenregel verstoßen, wäre man von der serbischen Polizei erschossen worden. Mein Mann war Jurastudent, war aber auch als Polizist einer Spezialeinheit tätig. Trotzdem musste er noch in die serbische Armee. Irgendwann gab es ein Verbot für die albanischen Mitbürger/innen zu studieren. Mein Mann und ich waren zu dem Zeitpunkt Jurastudenten im sechsten Semester. Die Vorlesungen fanden daher in privaten Wohnungen statt. Aus der Sicht Serbiens war diese Tätigkeit illegal. Eines Tages erfuhren serbische Polizisten, dass ich heimlich studierte. Statt meiner wurde mein Vater festgenommen und misshandelt. Mit Verletzungen ließen sie ihn dann bewusstlos auf der Straße liegen, bis ein Bekannter von uns ihn zu uns nach Hause brachte.

 

Aufgrund der verschlimmerten Lage in Kosovo, wegen der Angst um meine Familie und weil wir der serbischen Dauerunterdrückung müde waren,  beschlossen mein Mann und ich Anfang der 90er Jahre aus unserer Heimat zu flüchten. Ende Dezember 1995 fuhren mein Mann und ich zusammen mit anderen albanischen Flüchtlingen mit Hilfe eines Schleppers per Bus über Serbien nach Ungarn. Wir bezahlten dem Schlepper 3.000,- DM. Er versprach uns, dass der Bus uns bis Deutschland bringen würde. Nachts an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich mussten wir aussteigen und zu Fuß gehen, sechs Stunden lang − im Winter und im Dunkeln. Der Schnee ging uns bis zu den Knien und wir liefen gegen den kalten Wind bis zur Grenze. In Österreich konnten wir mit einem anderen Bus weiter bis nach Deutschland fahren.

 

In Deutschland angekommen fühlte ich mich sehr erleichtert. Die Last der Angst war weg. Anfang Januar 1996 kamen wir in Karlsruhe an und blieben ein paar Tage dort. Danach wurden wir für drei Monate in einer Erstaufnahmeunterkunft untergebracht. In dieser Zeit war ich schwanger. Die Situation im Flüchtlingsheim war in Ordnung, nur das Essen war für mich schlecht. Das Essen wurde serviert und konnte nicht selber kochen. Erst in einer anderen Flüchtlingsunterkunft, wo wir neun Monaten lebten, konnte ich selber kochen. Wir brauchten keine Lebensmittel zu kaufen, weil wir damit vor Ort versorgt wurden.

Vor der Flüchtlingsunterkunft (1996). Foto: Bute

Das gemeinsame Leben mit Leuten aus verschiedenen Ländern im Flüchtlingsheim war für mich kein Problem. Ich hatte Glück, dass ich in einem 8m² großen Zimmer mit meinem Mann und inzwischen meinem ersten Kind als Familie wohnte. So hatten wir unsere Privatsphäre. Als mein Kind fünf Monate alt war, erhielten wir eine Aufenthaltsgenehmigung und später fanden wir eine eigene Wohnung. Insgesamt, während unser Status noch der von Asylbewerbern war, wurden wir von den Deutschen sehr gut aufgenommen.

 

Ich habe meine Heimat ungerne verlassen. Mein Jurastudium hätte ich in Kosovo gerne zu Ende bringen wollen, aber es ging nicht. Aber das Leben geht weiter. Heute lebe ich in Esslingen glücklich mit meinem Mann und meinen Kindern. Mein Mann führt eine eigene Baufirma. Sieben Jahre arbeitete ich als Verkäuferin. Ich bin eine stolze Mutter von drei Kindern. Zwei meiner Kinder gehen ins Gymnasium und eins zur Realschule. Jetzt, da die Kinder schon groß sind, mache ich mein Jurastudium durch ein Fernstudium an einer Hochschule in Kosovo weiter. Zu den Prüfungen muss ich dorthin fliegen. Ich werde mein Studium irgendwann abschließen. Was ich danach mit meinem Abschluss machen werde, lass ich offen.

 

Damals hätte ich niemals gedacht, dass ich aus Kosovo weggehen würde. Als der Krieg kam, hatte ich nur einen Gedanken: Hauptsache überleben! Dieser Gedanke verfolgte mich während meiner ersten Jahre in Deutschland. Ich hatte Angst um meine Familie in Kosovo. Ich habe überlebt, aber wie erging es meiner Familie? Das Haus meiner Eltern ist verbrannt, sie selbst wurden von serbischen Soldaten vertrieben. Sie hatten dem gleichen Gedanken wie ich: Auch wenn man alles verloren hat, Hauptsache man überlebt! Erst nach sechs Jahren konnte ich Kosovo wieder besuchen. Mein Gefühl war unbeschreiblich, als ich meine Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde wiedersehen konnte. Aber auch der Anblick der durch den Krieg zerstörten Gebäude hat mich bewegt.

 

Neulich wurde ich von jemandem angesprochen. Wir unterhielten uns. Irgendwann kam das Gespräch auf das Thema Flüchtlinge. Die Person sagte, dass Flüchtlinge gefährlich und kriminell seien. Ich antwortete ihr nur mit einem kurzen Satz: Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, ich weiß sehr genau, wovon ich rede!

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