Osman erzählt seine Geschichte:

Mein Name ist Osman und ich komme aus Gambia. Ich bin 19 Jahre alt. Seit einem Jahr wohne ich in einem Flüchtlingsheim im Landkreis Esslingen. Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich Gambia verlassen würde. Ich war 15, wollte nur zur Schule gehen und mit Freunden spielen. Ich habe glücklich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern gelebt, bis es zu dem Vorfall kam, der mein Leben völlig veränderte − und jetzt bin ich in Deutschland.

                           

In Gambia ist eine Auseinandersetzung zwischen Ethnien nicht ungewöhnlich. Wer von einer mächtigen Ethnie stammt, die beispielweise in der Regierung die Macht hat, kann andere Ethnien leicht unterdrücken. Das passierte mir. Es fing mit einem unbedeutenden Streit zwischen ein paar Leuten zweier Ethnien in der Nachbarschaft an. Ich war aufgrund der Solidarität mit einer Ethnie mittendrin. Ich stamme von einem Volksstamm, der keinen Einfluss auf unserer Regime hat. Im Gegensatz zu meinem "Gegner", der denselben Stamm wie die Regierung hatte, er warf mir einige Dinge vor. Deshalb wurde ich ins Gefängnis geworfen. Im Gefängnis wurde ich schlecht behandelt. Aber nicht nur das, auch meine Familie wurde bedroht. Meine Mutter und meine kleine Schwester wurden von einem Polizisten geschlagen. Als ich entlassen wurde, schlug ein Freund mir vor, Gambia zu verlassen, sonst würde meine Familie von der Regierung weiter drangsaliert. Ende 2010 und mit 15 Jahren begann meine albtraumhafte Flucht.

 

Ich floh alleine nach Senegal. Dort kannte ich niemanden. Bei der Ankunft stand ich am Bahnhof und wusste nicht, wohin ich gehen und was ich machen sollte. Nach ein paar Monaten Aufenthalt in Senegal und Vorschlägen von unterschiedlichen Leuten für ein besseres Leben, setzte ich meine Reise durch verschiedene Länder fort und kam in Griechenland an. Weil ich keine Papiere hatte, saß ich im Griechenland ein Jahr lang im Gefängnis. Es war nicht anders als im Gefängnis in Gambia, auch hier wurde ich schlecht behandelt. Was ich täglich bekam, war nur ein trockenes Brötchen und eine Tomate. Im Gefängnis war ich der einzige, der Englisch sprach. Also, lernte ich dort Arabisch, die Sprache der meisten Gefangenen in meiner Zelle.

 

Nach einem Jahr wurde ich entlassen und lebte ca. 2,5 Jahre in einer anderen Stadt auf der Straße. Ich hatte keine Arbeit. Manchmal hatte ich ein bisschen Geld, weil ich Leuten half, ihren Einkaufswagen ans Auto zu schieben. Dafür durfte ich die Münze behalten. Oft musste ich Essenreste im Müll suchen, wenn ich sehr hungrig war. Manchmal hatte ich Glück, statt auf der Straße zu schlafen, schlief ich in einem verlassenen, zerfallenen Haus ohne Elektrizität und Wasser. Besonders schlimm war das im Winter. In Griechenland erlebte ich nur ein hartes und schweres Leben. Häufig kam die Polizei zu mir und fragte nach meinen Papieren. Manchmal musste ich an einem Tag viele Male meinen Ausweis zeigen. Sie behandelten mich schlecht, genauso wie eine Gruppe griechischer Neonazis. Auf der Straße kam die Gruppe auf mich zu und belästigte mich. Die verbale Beleidigung endete mit körperlicher Gewalt. Die Männer schlugen mich und ließen mich mit vielen Verletzungen auf der Straße liegen. Ein paar Freunde, die ebenfalls illegal im Griechenland lebten, halfen mir. Weil ich keine Krankenversicherung hatte, war es unmöglich für mich, zum Arzt zu gehen.

 

Eines Tages lernte ich einen Mann kennen. Später, als er von meinem Leben in Griechenland erfuhr, meinte er, dass es nicht wie jetzt weitergehen konnte; er gab mir Geld, um Griechenland zu verlassen. Durch die Hilfe dieses netten Mannes konnte ich Griechenland verlassen. Es ging durch mehrere Länder, bis ich in Ungarn ankam. Teils ging ich zu Fuß und musste immer aufpassen, dass ich nicht von der Grenzpolizei erwischt wurde. Bei Tage und nachts, mal durch den Wald, durch ein Dorf, mal mit dem Auto per Anhalter... ich erlebte alle möglichen Sachen während meiner Reise.

 

In Ungarn saß ich wegen der fehlenden Papiere wieder im Gefängnis. Nur wenn ich unterschriebe, dass ich mehr als 1.500 Euro an die Polizei bezahlte, würde ich frei kommen. Ansonsten müsste ich sechs Monate im Gefängnis bleiben. Zunächst weigerte ich mich, zu unterschreiben, aber ich bekam eine Ohrfeige. Aufgrund der Erinnerung an die körperliche Gewalt in Griechenland, die ich oft erlebte, und auch aus Angst vor der Polizei, unterschrieb ich die "Vereinbarung" zwangsläufig.

 

In der Zelle waren wir zu Dritt. Ein Mitbewohner war psychisch sehr labil. Jeden Tag lief er hin und her in unserer kleinen Zelle und murmelte in seiner Sprache etwas vor sich hin. Eines Tages verletzte er sich schwer. Wir klopften an die Metalltür unserer Zelle und schrien um Hilfe. Niemand von den Wächtern kam, weil sie oft erlebten, dass die Gefangenen an ihre Zellentür klopften, nur um sie zu ärgern. Irgendwann kamen die Wächter. Der verletzte Mann wurde rausgebracht. Mein Mitbewohner und ich mussten die Zelle danach saubermachen. Diese Szene kommt noch bis heute in meinen Träumen vor. Manchmal wache ich aus diesem Traum schweißgebadet auf.

 

Mein Mitbewohner in der Zelle, der kein Englisch sprach, war einverstanden, das Geld zu bezahlen, damit er aus dem Gefängnis befreit würde. Mit meiner Hilfe konnten wir einen Brief ins Englische übersetzen. Seine Familie schickte ihm Geld. Als Dank wollte er nur mit mir gemeinsam aus dem Gefängnis rauskommen. Ich hatte Glück, die Polizei gab mir ein Papier, darauf stand, dass ich innerhalb von drei Tagen Ungarn verlassen müsste. Wenn nicht, wurden sie mich wieder ins Gefängnis stecken. Weil ich kein Geld hatte, ging ich zu Fuß. Hauptsache, ich konnte Ungarn möglichst schnell verlassen.

 

Ein Mal ging ich durch ein Feld und traf auf zwei Männer mit einem Traktor. Sie belästigten mich, einer schlug mich. Ich schlug nicht zurück und hoffte, dass sie mich in Ruhe ließen. Doch der andere schlug mich ebenfalls. Ich merkte, dass das kein "Spiel" war. Ich verteidigte mich. Plötzlich nahm einer der Männer ein Gerät wie eine Sense und verletzte mein Schienbein. Sogar der Knochen am Bein wurde getroffen, was eine große Wunde hinterließ. Mein Fuß war geschwollen, sodass auch mein Schuh nicht mehr passte. Die beiden Männer flohen, sobald sie sahen, dass ich schwer verletzt war. Stundenlang konnte ich keine Hilfe rufen, denn ich war alleine. Irgendwann kam eine Frau mit einem Auto. Sie brachte mich zu einer Klinik. Zwei Tage schlief ich nur. Meine Wunde wurde behandelt, aber nur oberflächlich, sie wurde sauber gemacht, mit Salbe eingerieben und mit einem Verband eingewickelt. Mit den starken Schmerzen am Bein kam ich an einem Bahnhof an. Ich musste laut dem Papier der ungarischen Polizei in ein paar Stunden Ungarn verlassen haben. Zwei Tage meiner Zeit "verschwanden" in der Klinik. Auf keinen Fall wollte ich zurück ins Gefängnis kommen.

 

An diesem ungarischen Bahnhof half ich jemandem, seinen Koffer zu tragen. Er war ein Deutscher. Als Danke konnte ich mit ihm bis nach München mitfahren. Die Fahrt von Ungarn nach Deutschland kriegte ich nicht mit, denn ich war erledigt. Ich war müde und mein Bein tat weh. Am Bahnhof in München war ich am Ende meiner Kraft. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Die Szene in Griechenland und Ungarn, vom Leben auf der Straße und im Gefängnis hatte ich noch im Kopf. In dem Moment war ich nur skeptisch. Ich ging zu einer Polizeistation und bat dort um Asyl. Es war mir egal, ob ich wieder im Gefängnis sitzen würde. Der Polizei brachte mich in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Ich war ein paar Tage in München. Währenddessen verbrachte ich meine Zeit nur schlafend. Schon lange hatte ich nicht so tief wie dort geschlafen. Ich war körperlich und seelisch erschöpft.

 

Von München aus wurde ich in einige Städte gebracht, bis ich in meinem jetzigen Wohnort ankam. In den unterschiedlichen Unterkünften sah ich viele Menschen mit ihren Familien: Frauen, Schwangere, Kinder, Babys. Sie taten mir leid. Sie mussten viel Schweres auf dem Weg nach Deutschland erleben. Im Vergleich zu ihnen hatte ich vielleicht noch Glück, dass ich alleine war, denn ich musste keine Verantwortung für jemanden übernehmen.

 

In den Landkreis Esslingen angekommen hatte ich nur die Kleidung, die ich trug. Zu meinem Glück gab es vor Ort eine ehrenamtliche Gruppe für Flüchtlingsarbeit. Mit ihrer Hilfe konnte ich eine andere Kleidung bekommen und meine kaputten Schuhe wechseln. Die Erstaufnahmeeinrichtung war eine provisorische Unterkunft, die aus Kabinen bestand und in der es keine Privatsphäre gab. Vielleicht sah diese Einrichtung, die ihr vorläufiges Heim sein sollte,  für andere Flüchtlinge unmenschlich aus. Für mich war der Platz vollkommen in Ordnung. Denn ich wusste jetzt, wohin ich abends zurückkehren und meinen Kopf hinlegen konnte. In Griechenland und Ungarn hatte ich kein Ort, wohin ich gehen konnte, wenn ich müde war − und das vier Jahre lang! Hier hatte ich endlich mein Zuhause, obwohl ich dort nur vorläufig bleiben konnte.

 

Nirgendwo außer in Deutschland erhielt ich von Anfang an eine nette und freundliche Unterstützung. Hier sehe ich viele Ehrenamtliche, die Flüchtlingen helfen. Nach meiner Beobachtung konnte ich während meines Aufenthalts in Griechenland kaum Hilfe finden. Die griechische Gesellschaft reagierte sogar negativ, wenn jemand sich um Flüchtlinge kümmerte. Es liegt vielleicht daran, dass das Land selber gerade in der Finanzkrise steckt.

 

Jetzt ist meine Seele müde. Es gab Tage, an denen ich nur schlafen wollte. Irgendwie möchte mein Körper die verlorenen vier Jahre nachholen und Ruhe spüren. Mehrere Jahre führte ich kein normales Leben. Habe ich jetzt ein normales Leben? Scheinbar habe ich das noch nicht. Ist die ständige Sorge und die Angst abgeschoben zu werden ein normales Leben? Nachts kann ich oft nicht schlafen, weil ich Angst habe, dass die Zollbehörde mitten in der Nacht an meine Zimmertür klopft und mir befiehlt, alles einzupacken, weil ich Deutschland verlassen muss. Sie kommt meistens um Mitternacht. Ich bin nicht der einzige, der diese Sorge hat, sondern auch die anderen Gambier. Viele von uns haben einen Duldungsstatus. Man sieht, meine Flucht ist nicht zu Ende. Wenn ich dann endlich diese beschwerliche Reise zu Ende bringen kann ..., weiß ich nicht....

 

Ich fühle mich, als hätte ich eine Wunde, die erst zuheilen muss. Hier lernte ich ein paar wirklich liebe Freunde kennen. Sie sind immer für mich da. Sie geben mir Kraft. Diese Freunde sind Leute, die mir ehrenamtlich helfen, Privatpersonen, die mich ohne Wenn und Aber unterstützen. Eine Familie ist sogar wie meine Ersatzfamilie. Diese Menschen sind die Heilsalbe meiner Wunde. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben geblieben.

 

Ich bin erst 19 Jahre alt. Vor mir liegt noch meine Zukunft. Ich wünsche mir hier in Deutschland, dass ich meine Schule zu Ende bringen kann. Ich kann nähen, jedoch bin ich bereit, auch etwas anderes zu lernen, z.B. eine Ausbildung mit Elektronik oder in einer Tischlerei. Die allerwichtige Sache zurzeit ist, dass ich gut Deutsch beherrschen kann. Daher nutze ich das Angebot, um einen von einigen Ehrenamtlichen organisierten Deutschkurs zu besuchen. Es ist sehr wichtig für mich, dass ich Leuten meine Geschichte in Deutsch erzählen kann, damit sie genau verstehen, was ich alles erlebte. Ich wünsche mir auch, dass ich hier die Chance habe, meine Fähigkeit zu zeigen. [Adi]

 

Anmerkung von der Interviewerin:

Osman ist 19 Jahre alt und obwohl ohne höhere Ausbildung, ein intelligenter und kluger junger Mann. Man erkennt es daran, wie er seine Geschichte erzählt, wie er Wörter wählt und sich in Sätzen ausdrückt. Einerseits wirkt er durch sein hartes Leben und das, was er durchgemacht hat, viel reifer als andere in seinem Alter. Er wurde gezwungen, schnell erwachsen zu werden. Andererseits ist er ein sensibler und zerbrechlicher Junger, der in ständiger Angst lebt, wieder solch schlimme Situationen wie er sie innerhalb der vier Jahre erlebt hat, durchleben zu müssen. Er riss sich zusammen, als er seine Geschichte erzählte, konnte aber sein Tränen nicht mehr unterdrücken, als er über seine Mutter und von seiner Angst um seiner Zukunft erzählte.

 

Sein Armband und sein Ring fielen der Interviewerin auf. Als sie ihn fragte, ob er gerne Schmuckstücke trage, nannte er den Grund. Die Gambier, lautete seine Aussage, nicht nur Frauen, aber auch Männer tragen gerne Schmuck aus Gold oder Silber. In der gambischen Kultur gibt die Mutter ihren Kindern ein paar Schmuckstücke, um ihre Liebe zu zeigen, gleichzeitig sind sie auch ein Symbol für die Bindung zwischen Mutter und Kind. Für Osman ist der Schmuck sehr wichtig, weil er dadurch spürt, dass die Seele seiner Mutter immer bei ihm ist. Solche Schmuckstücke bei den Gambiern fallen in Deutschland schon auf. Für die Gambier jedoch ist es nicht nur einfach Schmuck, sondern viel mehr als das.

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